Archiv der Kategorie: 100worte

Oh, Belisa!

Eine tragische Komödie tischte die Gruppe Contrabande auf. Die Schauspieler zeigten die Geschichte von Belisa, einer schönen jungen Frau, die ihren reichen, alten Nachbarn Perlimplin heiraten muss: Perlimplin begehrt Belisa sehr, doch Belisa will Freiheit und sucht den Kontakt zu jungen Männern. Besonders ein Mann, der immer an ihrem Fenster vorüber geht, hat es ihr angetan. Sein Gesicht hat sie jedoch noch nie gesehen. Als sie ihn treffen will, hat Perlimpin ihm bereits einen Dolch durchs Herz gestoßen. Belisa umarmt den sterbenden Mann von hinten, doch dann stellt sich heraus, dass es sich um Perlimpin selbst handelt. Eine witzig gemachte Inszenierung. Die live eingespielten Atmo-Geräusche waren allerdings oft zu laut, sodass die Schauspieler nur schwer zu verstehen waren. (cm)

Contrabande: Im Garten liebt Don Perlimplin Belisa – Diplomstück von Benno Lehmann

Who the fuck is Alice?

Fast so berühmt wie die aus dem Wunderland ist die Alice mit dem roten Band, verkörpert vom italienischen Model Vanessa Hessler. Trotz der gigantischen Werbekampagne gibt es die  Telekommunikationsmarke inzwischen gar nicht mehr. Das Zwei-Personen-Stück “Die schöne Alice-Maschine” war gespickt mit vielen Details und Hintergrundinformationen zur Werbestrategie und dem Konzern der HanseNet. Ob durch Telefongespräche mit der Servicehotline, ein Interview mit dem Model oder einen pseudo-wissenschaftlichen Vortrag, der Inhalt vermittelte sich auf abwechslungsreiche und unterhaltsame Art. Unklar blieb, warum am Schluss Sexy Cora, die verstorbene Pornodarstellerin, gezeigt wurde. Nichtsdestotrotz war das eine informative und engagierte Performance, was erstaunlicherweise viele Zuschauer anders sahen. (lg)

PlastikPower: DIE SCHÖNE ALICE-MASCHINE

Stuhl-Entspannung

Bis ins Groteske werden die Leiden angehender Schauspieler ironisiert. Die dümmliche aber ambitiöse Sophie, die eine berühmte Bühnendarstellerinen werden will, muss sich sexuellen Anspielungen und cholerischen Wutausbrüchen des Regisseurs stellen. Gescheiterte noch nicht aufgegangene Sterne, geben in rauchigen Chansons ihr Können zum Besten ohne wirklich überragend zu sein. Auflockerungsübungen auf dem Stuhl werden zu schmerzhafter, Aggressionen fördernder Bloßstellung. Das Kabaret und Musicalgenre werden auf die Schippe genommen, es wird getanzt, geraucht, getrunken – alle Künstler sind maßlos und ausschweifend. Ein Stück zum Schmunzlen, Lachen und Zurücklehnen.

(ail)

Das gAyteam . Mach ma’anders

Who the fuck is Alice?

Gemeinsam erkunden die beiden Darsteller Johann Reißer und Kamila Handzik wie Schönheit instrumentalisiert und in den Köpfen als Ideal festgesetzt wird. Perfektion ist ein großes Wort, das Kundschaft lockt. Erzählt wird die Geschichte des großen Werbecoops von Hansenet O2 Telefonica, die mit dem Gesicht des Models Vanessa Hessler für ihre Internetverbindung warben. Mit Puppen, Barbies und dickem Märchenbuch wird die Absurdität der Sexualisierungsprozesse von Dienstleistungen vor Augen gebracht. Wie gedankenlos und automatisiert die Gesellschaft oft ihre Entscheidung für oder gegen ein Produkt fällt, wird überdeutlich. Ein Stück, dass zum Nachdenken anregt. (ail)

PlastikPower – Die schöne Alice Maschine

Spiel mit den Erwartungen

Magier, Magierin und Hase. Nebel, mystische Musik, die Stimmung passt. Jeder Zuschauer zieht einen Zettel mit einer Nummer aus einem Zylinder. Dann beginnt die Zaubershow, man wartet auf die großen Illusionen. Doch das Prestige bleibt aus. Große Gesten, winziger Effekt. Kleinere putzig-stümperhafte Tricks gehen langsam in ein Face to Face Gespräch mit dem Publikum über. Hätte man gerne auf der Bühne gestanden und ein Manifest geschrieben aus dem dann ein Zaubertrank gebraut hätte werden sollen? Drei Künstler laden auf ein freiwilligen und nicht gezwungenen partizipatorischen Prozess ein. Die Magie bleibt einzig und allein in der Gesprächsführung. (ail)

Alienated Alchimist Association – Schau mir in die Karten, Kleines!

Blonde Locken im System

Wesen aus den Tiefen des Systems?

Wesen aus den Tiefen des Systems?

Eigentlich sollte in dem Slot am Sonntagabend im HAU3 ”Mydaozän – Aufschlag in der Drecksära” der Aspara Company zu sehen sein. Das wäre eine sicher wunderbar dystopische Trash-Sci-Fi-Lesung geworden, wäre sie nicht entfallen. Skurril und krass ist es aber trotzdem geworden, Ini Dill und den elektroschuhen sei Dank. Worum es in der Peformance genau ging, ist schwer zu sagen: Irgendwas IT-Lastiges, Trojaner und Systeme, wer weiß das schon. Ist auch egal, da das Publikum eh damit ausgelastet war, das Gesehene zu verarbeiten: Das Kollektiv aus vier blond perrückten TänzerInnen bewegte sich in derart ekstatischen, zuckenden Bewegungen über die Bühne, dass die Münder reihenweise offenstanden. Feine elektronische Live-Musik zweier MusikerInnen sorgte für wippende Köpfe. (ap)

Ini Dill/die elektroschuhe: Sie wurden vom System abgemeldet

Meditieren oder gähnen?

Unendlichkeit? Auch die Choreographie "Faktor 4" schien niemals zu Ende gehen zu wollen.

Unendlichkeit? Auch die Choreographie “Faktor 4″ schien niemals zu Ende gehen zu wollen.

Wie in Trance wandeln vier Frauen über die Bühne des HAU3. Sie halten ziehharmonikagleich gefaltete Schriftrollen in den Händen, von denen sie immer wieder auch gern gleichzeitig in tragendem, waberndem Duktus vorlesen. “Es ist, wie ich es dir sage, aber es ist in meinen Asanas.” Die Texte befördern das Publikum geradewegs in eine Meditationssitzung – eine Kunst, mit der die meisten Zuschauer offenbar nicht viel anfangen können. Im besten Fall wird da gegähnt, im schlechteren Fall werden die Plätze klammheimlich geräumt. Und tatsächlich will nicht so ganz einleuchten, warum die Choreographin Janine Schneider die durchgeplante Atemübung 60 Minuten lang auf einem Festival der freien Theaterszene zeigt. An anderer Stelle hätte sie sicher mehr Beachtung gefunden. (ap)

Janine Schneider: Faktor 4

100° Audio Stimulation

So hörte sich der Donnerstag und der Freitag auf dem 100° an.

Lehnt euch zurück, lasst alles Revue passieren, schaltet ab und überbrückt die Sehnsucht auf das nächste Jahr einfach indem ihr so oft ihr wollt auf PLAY drückt.

Sind wir glücklich?

“Das Leben ist schön, man muss nur lernen mit dem auszukommen, was man hat.” Mit diesen Worten empfangen die beiden Darstellerinnen der Theatergruppe dmh das Publikum, hosenträgertragend und barfuß. Sie erzählen Anton Tschechows Die Dame mit dem Hündchen. Anna und Dimitrij sind beide unglücklich verheiratet und finden Zerstreuung in einer gemeinsamen Affäre. Als sie in ihr altes Leben zurückkehren, können sie sich nicht vergessen. Ist es etwa Liebe? Zwänge machen unglücklich, das erzählt uns diese Geschichte, die vor der Kulisse dreier großer Holzrahmen gespielt wird. Von den Protagonistinnen wie im Tanz verschoben, verwandelt sich die Szenerie mal in ein Hotelzimmer, mal in einen Zug, mal in einen Dampfer auf dem Meer. Die zarte Choreografie, in die sich die Darstellerinnen hineingleiten lassen, die gezupfte Gitarrenmusik aus dem Verstärker, der geschickt zusammengesetzte Text, dieses Zusammenspiel malt Bilder. Ja, das Leben ist schön, solange man es sich schön macht. (hkw)

Theatergruppe dmh Die Dame mit dem Hündchen (A. Tschechow)

Ein Stück Gesellschaftskritik

DIGITAL CAMERANach einer Erzählung von Heinrich Böll zeigten Flurbacher&Heeschen das Leben der Katharina Blum, die durch den Sensationsjournalismus eines Reporters verunglimpft wird, nicht mehr in ihr normales Leben zurückfinden kann und so zum linken Terror gedrängt wird. Obwohl Böll die gesellschaftskritische Erzählung bereits 1974 schrieb, schafften es die vier SchauspierlerInnen ihrem Stück einen aktuellen Charakter zu geben. So beklagten sie, dass die heutige junge Generation nicht mehr beigebracht bekäme, das System zu hinterfragen und politische Auseinandersetzungen zu führen und das auch heute mehr über Privatmenschen in der Zeitung zu sehen ist, als einem Lieb sein kann. Ein gelungenes Stück. (cm)

Flurbacher&Heeschen: Katharina Blum