Archiv der Kategorie: Interview

Bühne frei für die Bitch

Wer, wie, was ist "die Bitch"? Foto: Andreas Hartmann

Wer, wie, was ist “die Bitch”? Foto: Andreas Hartmann

Nichts für zarte Pflänzchen: proxy body // heißes medium:polylux fassen in ihrer Lecutre-Performance “BITCH: Jagd auf ein Phänomen” ein besonders pikantes Thema an. Angie Pohlers sprach vorab mit Maike Tödter, einer der beiden Performerinnen.

100 Grad: Die Künstlerin Lady Bitch Ray veröffentlichte 2012 “Die Aufklärung” – ein Song, in dem sie in ziemlich deutlichen Worten erklärt, wie es eine richtige Bitch denn gerne im Bett hätte. Geht es also nur um Sex?

Maike: Nein, es geht auch um andere Dinge, aber Sex spielt natürlich eine Rolle. Die Figur der “Bitch” kommt ja ursprünglich aus dem männlichen Hip Hop, wurde zwischenzeitlich aber durch Frauen aus der Hip Hop-Szene angeeignet und transformiert. So ist der Begriff heute längst Teil des Mainstreams geworden und kommt auch im Alltag vor, etwa als Begrüßung – “Hey Bitch!”.

100 Grad: Ist der Begriff “Bitch” also nicht mehr diskriminierend, sondern bestärkend?

Maike: Das ist Ansichtssache. Man kann aber schon sagen, dass sich “die Bitch” nicht komplett aus des patriarchalischen Strukturen lösen kann, aus denen sie kommt. Bestimmte Wertungen, die am Frau-Konzept haften, schwingen da immer noch mit. Trotzdem taugt das Konzept auch zur Bestärkung. Das hat Missy Elliott gezeigt, eine der ersten Frauen, die etwa Anfang der Neunziger Jahre gesagt hat: “Für mich ist die Bitch eine starke Frau!”. Das gilt so ähnlich auch für Rapperinnen wie Lil’ Kim oder Queen Latifah, auch wenn letztere sich niemals als Bitch bezeichnet hat.

Mit vollem Körpereinsatz auf der Jagd. Foto: Andreas Hartmann

Mit vollem Körpereinsatz auf der Jagd. Foto: Andreas Hartmann

100 Grad: Du und Nora Graupner macht jetzt also Jagd auf “die Bitch”. Wie geht ihr vor?

Maike: Eigentlich sezieren wir eher, als dass wir jagen. Wir gehen der Bitch als Kulturwissenschaftlerinnen auf den Grund, das haben wir ja auch beide in Hildesheim studiert. Wir nähern uns ihr also sowohl aus historischer, theoretischer als auch praktischer Sicht in einer Lecture-Performance. Zuerst beschreiben wir sie und versuchen eine Definition anhand von Hip Hop-Texten und Theorien, dann gibt es auch ein paar Übungen, die unter anderem etwas mit Möhren zu tun haben. Wir beobachten das Thema außerdem ständig und entwickeln die Performance weiter. Deshalb ist jetzt auch die Künstlerin Nicki Minaj ein Thema für uns, sie ist ein ganz neuer “Bitch”-Typus. Eine Jagd ist es deshalb, weil uns aufgefallen ist, dass man die Figur der “Bitch” nie ganz zu fassen kriegt – es gibt zu viele Facetten.

100 Grad: Und wie reagiert das Publikum, wenn ihr die Möhren zückt?

Maike: Das ist ganz unterschiedlich. Natürlich gibt es Leute, die mit dem, was wir machen, gar nichts anfangen können. Meistens ist das Publikum aber sehr aufgeschlossen und interessiert.

100 Grad: Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen, euch mit dem “Bitch”-Begriff zu beschäftigen?

Maike: Nora hatte sich bereits vorher im Studium und in einer anderen Lecture mit dem Thema beschäftigt. Dann hat sie mich gebeten, bei der aktuellen Performance mitzumachen. Sie ist sehr fasziniert von dieser streitbaren Figur und das kann ich jetzt absolut nachvollziehen.

“BITCH: Jagd auf ein Phänomen” läuft am Samstag, 23. Februar, umm 22 Uhr in der Kantine der Sophiensaele.

Das Interview führte Angie Pohlers.

“Das Festival ist ziemlich einmalig” – Interview mit Christiane Kretschmer

Christiane Kretschmer Portrait_100grad

Christiane Kretschmer ist seit 2009 bei den Sophiensälen. Nachdem sie zuerst die Presse-und Öffentlichkeitsarbeit gemacht hat, ist sie 2011 in die Dramaturgie gewechselt und hat die Assistenz für die künstlerische Leitung übernommen. Das 100 Grad macht sie nun zum fünften Mal mit – angefangen hat sie dort in der Jury als studierte Theaterwissenschaftlerin.

Mittlerweile bist du hinter die Kulissen des Festivals gewechselt. Wie sieht deine Arbeit konkret aus? Vor allem schaue ich mir während des Festivals alle Stücke an, weil es für uns einfach eine super Chance ist, jemand neues kennenzulernen. Vielleicht ergeben sich dann daraus spannende Zusammenarbeiten, denn es passiert ja durchaus, dass man hier jemanden entdeckt und Lust hat, was gemeinsam zu machen.

Was hat das Festival für dich in den letzten fünf Jahren so besonders gemacht? Das Festival ist ziemlich einmalig – auch wenn es ein kleines Chaos ist. Viele Zuschauer sind anfangs etwas überfordert und stolpern in die Aufführungen rein. Aber das macht es auch so spannend. Es ist für jeden etwas dabei und man kann eine Menge spannender Leute treffen, zum Beispiel abends auf den Partys.

Welche schönen Erinnerungen hast du an das Festival? Es gibt schon ein paar 100 Grad Pärchen. Eine unserer Schauspielerinnen hat ihren Freund hier beispielsweise kennengelernt. Was wir auch lange Zeit hatten war eine Gästewohnung hier am Hof, in der tolle Performances stattgefunden haben. Von Kochperformances bis zu Beatrice Fleischlin, die in Ten Ways To Undress Myself zehn verschiedene Strip-Nummern hingelegt hat. Das sind schöne Nummern, die ungewöhnlich sind und nebenbei laufen. Und da viele solcher Aktionen in kleinen Räumen hier im Haus stattfinden, reizen sie das Publikum mit dem Gefühl, mal hinter die Kulissen schauen zu können.

Interview: Henni Kristin Wiedemann

Interview mit Kathrin Veser

Kathrin VeserVon Anfang an dabei – so könnte man in Bezug auf Kathrin Veser sagen. Die in Erlangen und Berlin ausgebildete Theaterwissenschaftlerin und Germanistin leitete die Produktion der zweiten 100Grad Edition und übernahm die Supervision für viele weitere Jahre. Bevor sie 2012 nach Zürich an die Gessnerallee Zürich wechselte, war sie festes Mitglied des Kuratorenteams am HAU. Festlegen kann man Ihre Arbeit nicht. Auf der internationalen „reART:theURBAN“ Konferenz Oktober 2012 in Zürich wurde zum Beispiel, initiiert durch den Kurator Imanuel Schipper, die Frage nach dem Einfluss von Theater und Kunst auf die Gesellschaft herausgearbeitet. Ob und wie das 100° Festival in Berlin nach 10 Jahren eine Rolle darin spielt, erzählte sie uns in etwas mehr als 100 Worten.

10 Jahre 100°! Wie fühlt es sich an? Seit deiner Produktionsleitung für die zweite Edition des Festivals ist viel Zeit vergangen. Hättest du damit gerechnet, dass das Festival so viel Erfolg haben würde? Es fühlt sich spitze an, darum werde ich bei dieser Edition wieder als Besucherin dabei sein. Das Festival war schon damals ein Zuschauer- und Gruppenmagnet – ich freue mich vor allem darüber, dass es mittlerweile weniger als Präsentationsplattform bestehender Arbeiten, sondern als Experimentierfeld für Neues genutzt wird.

Was empfindest du als größte Unterschiede innerhalb des 100°, wenn du an früher und an heute denkst? Früher waren die Aufregung und das Chaos grösser. Heute wissen alle, wie`s funktioniert. Das hat den Vorteil, dass künstlerisch mehr gewagt wird als früher. Außerdem mussten wir uns früher gegenüber der Freien Szene rechtfertigen, dass wir bei 100° keine Gagen zahlen. Das hat sich geändert, jetzt nutzt die Szene das Festival für ihre Zwecke: zum Netzwerken, zum Experimentieren und zum Präsentieren verschiedenster Formate.

Stichwort „transdisziplinär“ – Kann das 100° sich noch stärker als ein Theater-en-masse aus allen Sparten und auf allen Ebenen profilieren? Das findet zum Teil schon statt mit Arbeiten aus der Bildenden Kunst, Musik, Film und eben Theater, Performance. Nur der Tanz (insofern man ihn noch von der Performance abgrenzen will) hat es noch nicht ans 100° geschafft.

Welche Auswirkung hat das 100° deiner Meinung nach auf die Gesellschaft? Ich glaube nicht, dass 100° irgendeine Auswirkung auf die Gesellschaft hat. Wenn, dann hat es das auf die Besucher – nämlich: glückliche Erschöpfung!

Ist das 100° für dich ein Monster, welches von alleine stetig wächst und sich blutsaugend von der Bereitschaft anderer ihre Kunst zu zeigen, ernährt oder ein ganz anderes Wesen? 100 Grad ist ein organisatorisches Monster für die Produktionsleitung, die Technik und das ganze Haus. Es kickt den Adrenalinspiegel und fordert den sportlichen Ehrgeiz der Zuschauer heraus. 100° ist wie Berlin im Kleinen, zu viel passiert gleichzeitig an zu vielen Orten – darum ist es genauso aufregend und anstrengend.

Gemeinsam mit Daniela Aue hast du 2009 für „Tollkühnes Singen“ den Jurypreis des 100° bekommen. Hast du je daran gedacht, dass dies passieren könnte? Nein, das hat mich überrascht. Wir haben uns mit dieser Arbeit beim 100° Festival beworben weil wir wussten, dass wir dort viele Menschen zum Mitsingen finden. Über den Preis haben wir nicht nachgedacht.

Heimat, altes Liedgut und Naturidylle waren damals der Kern des Stückes, womit würdest du heute auftreten? Mit katholischen Kirchenliedern.

Kannst du dir auch ein 100° im Freien vorstellen? 140 Vorstellungen an 4 Tagen im Wald inklusive Zeltplatz stell ich mir super vor. Aber nicht im Februar und nur wenn es nicht regnet.

Singst oder machst du noch Musik, neben dem Theater? Die Musik habe ich aus Zeitgründen aufgegeben. Für die Schweiz hatte ich den Plan gefasst, mehr Sport zu treiben. Darauf bin ich vom Fahrrad gefallen und hab mir beim Skifahren eine Rippe gebrochen. Jetzt überlege ich tatsächlich, in einen Chor einzutreten. Das ist ungefährlicher.

Wie kam es zu der Entscheidung im Hintergrund die Fäden zu ziehen? Ich habe Musik gemacht, Theater gespielt, versucht Bühnenbilder zu bauen und Regie zu führen und dann Theaterwissenschaften studiert. Das letzte, was ich mir damals beruflich vorstellen konnte, war Produktionsleiterin oder Dramaturgin zu werden. Beides ist eingetroffen, da ich irgendwann festgestellt habe, dass ich lieber KünstlerInnen unterstütze, als selbst künstlerisch tätig zu sein. Als Hobby, wie bei „Tollkühnes Singen“, ist das OK. Für 100° hätten wir disqualifiziert werden müssen – als Laienspielgruppe.

Pendelst du viel zwischen Berlin und Zürich? Ja, die Kombination dieser Städte kann ich nur wärmstens empfehlen. Wenn Berlin zu anstrengend, dreckig, laut und prekär ist – fahr nach Zürich. Wenn Zürich zu klein, zu sauber und zu reich ist – dann fahr nach Berlin.

Welche Umstellung fiel dir beim Wechsel an die Gessnerallee vom HAU am schwersten? Die sprachliche Umstellung. Langsamer sprechen, Wünsche formulieren, keine „Ansagen“ machen.

Wie siehst du die Zukunft des Festivals? Heroisch.

Gibt es einen Moment innerhalb der letzten 100° Editionen und Jahre, die du ganz besonders in Erinnerung behalten hast? Mein Lieblingsprojekt war die Sauna von Hamster Damm. Er hatte einen LKW in eine mobile finnische Sauna umgebaut, die stand vor dem HAU 2, war fast 100° heiss und es gab kaltes Bier und Wodka. Immer wenn jemand mit knallrotem Gesicht in einer Vorstellung auftauchte, wusste man, der kommt aus der Sauna.

Fallen dir Pannen ein, die das 100° hatte? Die Badewanne, die zum Abkühlen neben der Sauna stand, ist ausgelaufen. Das Wasser floss auf die Grossbeerenstraße. Es hatte 4 Grand Minus: Eisfläche. Am nächsten Morgen stand die Polizei vor der Tür.

Wenn du nun die Leitung des Festivals erneut übernehmen müsstest, was würdest du ändern und worauf würdest du achten? 100° organisiert man einmal und dann nie wieder.

Wenn du an deine Zeit am HAU denkst und an das 100° gibt es ein Fazit welches du ziehen würdest? Eine wahnsinnige, durchgeknallte Sache mit großartigen Kollegen.

Text: Anna Lazarescu

Entflammt: Interview mit Regisseurin Anne Schneider

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In „Brenne! Men don’t protect you anymore“ nähern sich Regisseurin Anne Schneider und Schauspielerin Gina Henkel der heißen Angelegenheit Identität. Ein Gespräch über das Suchen und Finden.

100Wort: Wie ist die Zusammenarbeit zwischen dir und Gina entstanden? Anne Schneider: Wir haben uns in Nürnberg am Staatstheater kennen gelernt. Wir sind uns dann später irgendwann zufällig in der U-Bahn in Berlin begegnet. Daraus sind jetzt mittlerweile drei Arbeiten hier in Berlin entstanden. Dazu gehört unter anderem „Schwesterherz“, das letztes Jahr beim 100°-Festival den Publikumspreis gewann. Daraufhin haben wir gesagt, dass es doch toll wäre, diese Zusammenarbeit fortzusetzen und das Format auch beizubehalten und haben zusammen überlegt, was kann man denn noch machen? Wir waren dann ziemlich schnell bei der Thematik weibliche Identität auf der Bühne und haben viel gelesen, recherchiert, Musik gehört und haben uns immer mehr rein- gearbeitet.

Das heißt, „Brenne!“ ist auch eine Zusammenarbeit zwischen Regisseurin und Schauspielerin? Es ist total im Dialog entstanden. Wir haben angefangen zu proben und haben uns gegenseitig Vorschläge gemacht, wie es gehen könnte. Ich brachte das Szenische und die Reihenfolge rein, Gina führte es aus und aus ihrer Darstellung ergaben sich für mich wieder neue Möglichkeiten. Ihre Darstellung hat die Regie somit maßgeblich beeinflusst.

Wie ergänzt ihr euch? Wir verstehen uns oft auch ohne Worte, müssen nicht groß diskutieren. Uns interessieren ähnliche Themen und Ästhetiken. Die Dinge, die ich eher inhaltlich denke, treffen auf ihre großartigen Spielangebote, die mich dann wieder zum weiteren Nachdenken anregen.

Habt ihr euch bewusst dafür entschieden, dass es nur eine Schauspielerin sein soll, die bei „Brenne!“ gleichzeitig Johanna von Orléans, Ingrid Bergman und sich selbst spielt? Ja, denn unsere Frage war vor allem: wie muss man als Schauspielerin sein? Wie viel Eigenes darf man sich erlauben? Zwischen Johanna und Ingrid muss Gina als Schauspielerin also als sie selbst auftreten.

Ihr setzt also das Schauspielen an sich in Szene gesetzt? Es wird auf jeden Fall thematisiert. Die Frage dabei ist: Wie funktionieren wir in der Gesellschaft? Da gibt es viele Anforderungen, denen wir alltäglich gerecht werden müssen. Von daher bedeutet „Brenne!“ auch Burnout. Wir zeigen es aber nicht direkt: Johanna von Orléans und Ingrid Bergmann haben beide ihren Weg sehr selbstbestimmt gestaltet, aber sind irgendwann auch von der Gesellschaft ausgenommen worden. Bei beiden gibt es einen Punkt, wo sie sich davon emanzipieren. Dann werden beide verbrannt. Johanna landet auf dem Scheiterhaufen, Ingrid wird von den Medien zerfleischt.

Was bedeutet der Zusatz bei Brenne „Men don’t protect you anymore“? Er weist daraufhin, dass man den Schutz der Männer als emanzipierte Frau nicht mehr will und dass er in dieser Gesell- schaft auch nicht mehr so da ist. Heute muss jeder für sich sehen, wo er bleibt. In der Inszenierung ist das auch angelegt: Mit Gina sind zwei Musiker auf der Bühne. Die begleiten sie zwar, sind aber manchmal auch abwesend ihr gegenüber. Man merkt an manchen Stellen im Stück, dass sie da allein durch muss.

Text: Katharina Fleischer

„Brenne“ Men don‘t protect you anymore“ läuft am Donnerstag, 21. Februar, um 22 Uhr im Hochzeitssaal der Sophiensaele.

Communication strings – “The Virtual Dinner Party”

Jake Witlen is the founder of the „Internationalists“ a group of directors from all around the world. Jake’s productions do not limit themselves to classic theatre means, making use of film and multimedia. For „The Virtual Dinner Party“ he implemented his interest for technology and new media into the action. Berlin and New York meet for a vibrant and buzzing dinner party in real time. How you might ask? Via Skype and a big screen, merging both tables at their middles.

The „Virtual Dinner Party“ is a multi-layered, ambitious production. What seems simple at first glance unfolds its meaning step by step and only after the spectators go home. What they take with them from the one hour long and real-time get together is a 360° experience. They’ve become part of the play and hence an incalculable variable. The actors guided their guests through the dinner like hosts.

I met Jake in a coffee-shop inside a Commerzbank near U-Bahn Stadtmitte. Hidden in its monetary system-overlooking belly, passing cash points and helpdesks, sprang out of nowhere, an island: An artificially created living room with sofas, libraries full of books and fluffy carpets you know your feet will unfortunately never touch, being confined to their street shoes.

 We talked about the background of his play and its means of transferring a message. Surrounded by technological gadgetry and the atmosphere of richness, we dug into the layers Jake’s play. It’s a tapestry of connections made in our digital age. It’s about relationships with and through new media, choices you make, questions you ask and how everything silently flows together.

Are you closer to film or to theatre?

I am more of a theatre person. I love the way audience and actors interact. This is not really possible in the movies. Because in theatre audience and actors share a moment of true connectivity which lies beyond technology. Technology serves establishing a connection, it becomes a door you can use. In theatre it is more about sharing the same air, the same experience at the same moment. Emotionality plays a big role.

So tell me, why did you choose a dinner party as a starting point?

Because a dinner party is something very personal. Something you do among friends and family And there is something really basic about sharing food, something primal. No matter where you do it or who does it, the act of sharing food is universal and makes connecting easier.

Define your stage, please.

The table is and becomes the stage in every way possible. It’s a reflection of life. It’s there you become most intimate, because you share food and drink. You relax and you let your guard down, even cultural differences.

Connecting and connection seem to be key elements inside your play. You merged two tables from two different countries by using Skype as a link.

Yes, because aside from the action taking place, the main question for me always is: Are we really connected? Is real emotional connection via the internet and through all the technical means surrounding us to be truly achieved? I try to explore if people can actually breath the same air and feel in the same way, even if the bridge is built digitally. I want to create true emotional experience by using technology and letting the participants use it.

How many layers are there inside „The Virtual Dinner Party“?

Well, there is the real life layer represented by the audience invited to dine on-stage. Then there are the actors, which can be taken as a second layer and a third one, the technical and digital one, making the connection between the cities possible.

What was the idea behind this border-crossing and distance neglecting play?

Well, the main idea was to raise questions. We want the audience to think about „hunger“. What does it mean to be hungry and to struggle with the lack of resources. The play kicks off at a point in which the world is running out of supplies of any kind. The audience should discuss this topic openly and discover their responsibilities and what they can do, if ever having to face such a scenario.

How does this work? It must not be easy to entice strangers inside such a complex discussion.

Yes, especially because it is not meant to be a didactic play. It rather is a social experiment. It is scripted-reality inside reality. Virtuality and the actors connect them both. The first of difficulties was to relax the participants, make them feel comfortable. We chose not only the soothing atmosphere of a dinner but also some games via screen to start with, to ease and loosen up the tension.

But the most powerful elements are visuality and exchange, right?

True. Conversation becomes the driving force. Because via the internet for example, chats are misleading. Even an email can be misleading, ’cause you never get to experience the full picture of your partner. But with Skype those limits are broken down a little. Because you can see your partner. You see mimics and gesticulation, you get the whole package. The voice is a very powerful tool and transmitter as well.

We already talked about Skype and technology, but could you define your relationship to and with multimedia?

I think, that we have to accept multimedia and technology as part of our world. It is everywhere. It is powerful, because it surrounds us and connects us and still we do not recognize it for what it is. Our age is the age of the global village. Of mass communication and constant connection. It is important though, that we make use of technology in the right way. That we do not become the ones being used by it.

When and how are you using technology then?

It is easy to put a projection on stage nowadays. And most of the new productions do it, Carelessly. Because it is fancy, looks flashy and is an eye-catcher. It is sexy but empty most of the time. It doesn’t have a message or a real importance. In my opinion the medium used, should establish a link between the audience and the actors and have an impact.

How did you work with the actors, considering the distances?

This is actually funny, because throughout the whole working process technology always got in the way. Rehearsals couldn’t take place virtually at times, because of computers crashing or technical stuff not working out. But my rehearsals are really different each time. It has been based a lot on personal interaction, because I have been to New York 13 times last year. I had the possibility to work live with my actors as well. But before me travelling there it was sort of a play by itself. It was an on/off relationship all the time.

 A play while creating a play?

Yes. I wanted the actors to discover the path they should take themselves. I discussed with them a lot via email, spammed their inboxes and sent over loads of video material, texts and blogs. We also talked via Skype about the play and its directions and what we wanted to achieve with it. I always wanted them to find out themselves what the play should be about or what would be best to ask.

How do you want your audience to leave the theatre?

Best would be, if they left the collective conscience with lots of raised questions and doubt about the status quo of our society. It is always good to know what is going on around you. And it is always good to ask questions.

It is about heightening awareness then?

Yes, as well. I want them to be able to transfer themselves into that „what if the world ran out of resources scenario“ and think about what they could actually do on an everyday basis to avoid or solve the problem. I want them to think about the choices they make everyday and see if improvements could be made. I want them to take the experience outside the theatre, exactly like reality nowadays is taken to the internet.

One last question. What do you think of Berlin and the 100° as a place to unfurl your play at?

100° is really flexible. It is creative and limitless from the basics of its concept. And Berlin has an interesting audience: It is still very open minded, free spirited and sceptical. Germans in general ask a lot of questions and are, as history shows very analytic about all. They learned to be patient and hold themselves back. Berlin features the right environment to make art thrive, because it still is curious about art itself and its value.

Anna Lazarescu

Jake Witlen : The Virtual Dinner Party

Heiko Senst

Das 100Grad ist jetzt 9 Jahre alt. Grund genug, zwei Festivalveteranen zu ihren Geschichten zu befragen.

Heiko Senst ist Schauspieler, Regisseur, Dozent und Mitglied der Performancegruppe BASTARD FOOLS. Wir sprechen über Schnurrbärte, Edgar Reitz, Flatrate-Kulturkonsum und seinen Sieg von 2009. Damals gewann er mit „WEIRD – Was euch fehlt“ den Jurypreis des 100 Grad.

„Ich kenne das Festival seit 200, und nehme zum dritten Mal Teil. Als Plattform finde ich es sehr spannend. Anfangs mochte ich nicht, dass man viel Material für so wenig Geld geboten bekommt, und das alles extrem dicht. Das strapaziert die Aura eines Kunstwerks schon arg. Aber wenn man es uminterpretiert, als eine Gelegenheit, sich zu zeigen und zu experimentieren, dann bekommt es diesen offenen Try-Out-Charakter. Wir machen hier, was wir sonst nirgendwo entwickeln könnten oder würden. Für einige sind es ja auch die allerersten Reaktionenauf ihre Arbeit überhaupt. Und wir wurden damals, nach unserem Preis, dann auch von dem „Wunder der Prärie“-Festival in Mannheim eingeladen. Das war sehr schön.

Aber eigentlich ist mir persönlich das Ganze zu hektisch und zu viel. Ich kann kaum mehr als eine Vorstellung am Abend verdauen, danach ist bei mir zu. Eigentlich rennt jeder von einer Veranstaltung zur nächsten und ist gestresst oder hacke, von den Eindrücken, der Müdigkeit oder vom Premierensekt. Ich glaube auch, dass diese Überfordung mit auch ein Grund war, warum wir 2009 mit WEIRD so gut angekommen sind. Weil wir eine Entschleunigung geboten haben.

Dieses Jahr zeigen wir „WIERDO 3“. Den zweiten Teil der Reihe haben wir ausgelassen, man weiß ja, dass bei Sequels der zweite meistens nichts wird. Es wird um Zukunft gehen und um Geld. Die BASTARD FOOLS reiten wieder.“

Lucas Humann

Nadine Finsterbusch – Tagesbeichten

Das 100Grad ist jetzt 9 Jahre alt. Grund genug, zwei Festivalveteranen zu ihren Geschichten zu befragen.

Wie fühlst du dich zum zweiten Mal bei 100° dabei zu sein? War es deine eigene Entscheidung wieder zu kommen?

Oh, sofort nach dem ersten Mal beim Festival hatte ich im Hinterkopf wieder dabei zu sein! Es ist eine super Plattform mit viel Spielraum! Dieses Mal bin ich mit dem zweiten Teil meiner Tagebücher vertreten – also die Zeitspanne von meinem 14-16 Lebensjahr. Allerdings sind sie noch nicht eingeprobt…Das 100° Grad wird die Premiere-Lesung!

Wie kam es dazu, dass du dich entschlossen hast das erste Mal dabei zu sein?

Wilma Renfordt, die Dramaturgin von copy & waste, schlug mir vor, mich beim 100 ° zu bewerben und es im HAU zu machen. Und ich sagte dann einfach: „ich will im HAU1 lesen“ und so kam es dann…

Wie bereitest du dich vor?

Ich lese alles nochmal laut durch, kurze Stellen, schaue mir an was in den Erzählfluss passt und frage dann meistens auch Freunde nach Feedback.

Wie war dein erster Eindruck der Publikumsreaktionen beim ersten Mal 100°?

Ich habe damals im HAU1 gelesen und es war wirklich eine wahnsinnig tolle Atmosphäre! Es kamen sehr sehr gute Reaktionen, die ich gar nicht erwartet hatte. Ich war total nervös, weil ich keine Vorstellung davon hatte, wie es laufen wurde… Die Hauptreaktion waren Lacher, die Leute fanden es wirklich spannend und amüsant.

Was erhoffst du dir von dieser Lesung?

Ähnliches, auch wenn der zweite Teil meiner Tagebücher etwas trauriger ist. Aber ich hoffe, dass es positiv aufgenommen wird. Ich bin noch nervöser als beim ersten Mal, glaub ich.

Wie kam es eigentlich dazu, dass du dich entschlossen hast, deine intimen Geheimnisse aus der Vergangenheit vorzulesen?

Das war total der Zufall. Ich habe die Tagebücher vorletztes Jahr beim Umzug gefunden und angefangen, darin zu lesen. Ich dachte, dass es total schrecklich sein muss, was drin steht und bestimmt sehr peinlich war, aber dann irgendwie sehr überrascht. Ich fand es richtig aufregend und witzig, unterhaltsam! Und dann habe ich erstmal eine Lesung mit Freunden geplant.

Wie sah das aus?

Es war am Kottbusser Tor innerhalb des Dr. Fahimi Fenster Front Festivals. Ich habe ein paar Freunde dazu eingeladen. Wir saßen in einem ziemlich kleinen Raum, ich auf der Fensterbank. Man konnte mich also von der Straße aus auch sehen. Es hingen Kopfhörer an der Hauswand herunter und die Menschen auf der Straße konnten sie sich aufsetzten und zuhören, was ich gerade in das Mikrofon las….

Seit wann schreibst du Tagebuch?

Seit dem ich 10 bin.

Wieso hast du damit angefangen?

Ich hatte dieses Buch von Jemandem geschenkt bekommen und dachte, ich probiere es aus. Außerdem war damals auch der Wechsel von Grundschule zu Gymnasium….das war irgendwie eine ziemlich große Sache für mich, die ich jemandem mitteilen wollte und nicht so richtig konnte.

Schreibst du heute auch noch und wenn ja, wieso?

Ja…ich habe ein paar Jahre zwar nicht geschrieben, aber nun wieder damit angefangen, durch die Konfrontation damit. Ich mache es vor allem aus dem Bedürfnis heraus, später Erinnerungen schriftlich zu haben. Weil man doch irgendwie die Sachen anders abspeichert und weil soviel passiert…Ich möchte mich auch in 10 Jahren damit beschäftigen können. Aber heute schreibe ich eher auf dem PC…

Was ist das schönste an den Lesungen? Schlüssel- Erfahrungen?

Dass sich die Leute mir gegenüber danach öffnen oder zu mir kommen und sagen, dass sie berührt waren oder sofort nach Hause gehen wollten, um selber in ihren Tagebüchern zu lesen oder zu schreiben. Oder es gab z.B. ein Mädchen in Basel, die zu mir meinte, dass sie gerne genau das Selbe machen würde wie ich, aus dem Tagebuch lesen und singen… Oder ein junger Mann aus Wien, der meinte, dass er nun endlich verstanden hätte, wie schwer es für uns als Teenie- Mädchen gewesen sein muss, auch nur einen Anruf bei dem Schwarm zu machen…

Wie fühlst du dich, wenn du immer wieder in deine Vergangenheit tauchst?

Ich erkenne mich schon wieder, aber ich bin nicht mehr dieselbe Person. Ein wenig fühlt es sich so an, als würde ich einfach eine Geschichte lesen.

Gibt es einen Moment in dem Tagebuch, der sich für dich ganz besonders schlimm anfühlt,wenn du ihn vorliest?

Ja, schon! Also ich hab auch lange überlegt, ob ich den drin lasse. Es ist das Einsetzten der ersten Periode. Allein schon weil es irgendwie sehr persönlich ist und weil ich da beschreibe, wie ich denke, dass es mir alle Männer ansehen können und mich vergewaltigen wollen.

Das ist ja interessant! Kannst du dir erklären wieso?

Ich habe keine Ahnung mehr, wieso ich das gedacht habe und woher diese Angst kam. Jedes Mal beim Lesen denke ich „ Wie komme ich denn darauf? “. Eine Zuschauerin in Basel meinte, dass es vielleicht daran liegt, dass ich als Zugehörige der TV-Generation Aktenzeichen xy ungelöst zu viele Krimis gesehen habe.

Andere Momente?

Komisch ist auch der meines Testaments. Mit 11…

Wie lang hast du gebraucht, bis du deine Tagebücher wieder aufgearbeitet hast?

Also für den ersten Teil ein bis zwei Wochen. Aber nach 2 Stunden hatte ich schon eine erste Fassung und war mir sicher, wie es sein sollte. Beim 2 Teil jetzt tue ich mir ein wenig schwer. Ich bin noch nicht wirklich bei der Endfassung.

Hast du jemals daran gedacht, Multimedia in deine Lesungen einzubauen oder sie musikalisch zu unterlegen? Vielleicht mit den Bands, die du damals mochtest?

Also daran gedacht ja, weil ja auch viele Songtitel genannt werden und ich viel über Bands wie Aerosmith, Take That und Snoop Doggy Dogg rede…aber bisher habe ich mich eigentlich dagegen entschieden. Ich finde es besser, wenn das Tagebuch für sich selbst steht und spricht.

Hast du während des Schreibens irgendwelche Vorbilder entwickelt? Berühmte Tagebuchschreiber , wie zum Beispiel Anaîs Nin, Anne Frank oder Kafka?

Nein, Vorbilder hatte ich nicht wirklich welche. Also ich hab immer aus Eigeninitiative geschrieben und irgendwie aus dem Bedürfnis der Selbstentwicklung. Beeinflusst hat mich damals ein Buch aus dem Deutschunterricht. Es gehörte zur dtv- Reihe der Jugendbücher. „Oleg oder die belagerte Stadt“ von Jaap ter Haar. Ich hatte mich viel damit beschäftigt und es ging da auch irgendwie um das Thema Tagebuch…

Planst du nochmal etwas Ähnliches wie die Episoden „Andy Girls“ mit dem copy & waste Theater-Kollektiv? Was war das genau?

Das Projekt war ursprünglich eine Anfrage an den Autor Jörg Albrecht, einen Blog für eine Theaterseite zu schreiben, glaube ich. Weiß ich gar nicht mehr genau. Heraus kam jedenfalls dann aber „Andy Girls“, unsere Soap, in der sich alles um Liebe, Architektur und Stadtsoziologie dreht. Jede Woche wurde eine Folge gepostet. Mitlerweile gibt es die Folgen auch auf Youtube. Ich habe Nadine gespielt, eine Sängerin, die gleich in der ersten Folge von ihrem Freund Cliff Hanger verlassen wird…Ich hoffe ja inständig, dass es eine Fortsetzung geben wird. Es war echt eine schöne Zeit und hat total Spaß gemacht.

Einige Worte zu copy& waste ( leider abgesprungen für dieses Jahr).

Ich bin ein großer Fan des Kollektivs. Sie haben einfach tolle Ideen. Wenn ich es schaffe, gehe ich immer zu so vielen Vorstellungen wie nur möglich!

Hast du einige Tipps für junge Tagebuchschreiber?

Am besten NICHTS durchstreichen, auch wenn man sich schämt! Ich hab wirklich seitenweise alles durchgestrichen, was mir peinlich war. Oder wenn ich einen Jungen nicht mehr geliebt habe, dann habe ich seinen Namen oder Passagen komplett geschwärzt, was wirklich sehr schade ist…

Wie sehen deine weiteren Pläne aus?

Ich hoffe eigentlich immer auf Anfragen und dass sich einige Dinge spontan ergeben. Das hab ich am Liebsten. Und ja…die Tagebücher veröffentlichen, dieses oder nächstes Jahr. Außerdem denke ich schon darüber nach, was ich für das 100° in 2013 mache! Die Tagebücher sind ja dann leider zu Ende…

Nadine Finsterbusch : Tagebücher Teil II 1993-1995

Interview: Anna Lazarescu

100 Worte zu 100°

Festivalleitung, Catering, Technik, Bar, Transport – die wahren Dramen des Festivalmarathons spielen nicht im Rampenlicht. Wir haben die Menschen hinter den Kulissen gefragt, was das 100° Festival für sie persönlich bedeutet.

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Howto: 100° Berlin

Interview mit der 100° Festivalleiterin des HAU Silke zu Eschendorff

Letztes Jahr war sie noch Praktikantin beim HAU für 100° Berlin 2010, dieses Mal hat sie schon die Leitung übernommen: Silke zum Eschenhoff ist überall und das gleichzeitig. Alle wollen etwas und zwar sofort: Künstler, Caterer, Techniker, Reporter. Und jetzt auch noch wir. Einen Tag vor Eröffnung baten wir sie zum Interview. Weiterlesen