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Wie war das da bei Anfang?

Am Anfang war das Licht. Das Licht war neongrün und neonpink und fiel dann als schmaler, weißer Streifen quer über den Planeten. In die große Stille tritt eine Mezzosopranistin und singt, sie sei der Welt abhanden gekommen. Die daraufhin folgenden Einlagen kommen der Schöpfungsgeschichte ein wenig abhanden: ein komisch-kautziger Tanz in Unterhose, das Beinkleid auf dem Kopf zum Turban gewickelt, ein plapperndes California-Girl im Glitzerkleid, ein per Videoinstallation verdreifachter Musiker, der über Evolution und Omnipräsenz von Vögeln referiert (großartig!), schlussendlich eine Nackt-Performance.

Einzige Zusammenführung der Episoden: als sich am Ende alle Performer wiedertreffen und den A-a-nfangs-Song singen. Ein bisschen lose und zerfasert das Ganze, thematisch nicht immer einzuordnen. Aber a-a-abwechslungsreich. (mak)

Su-Mi Jang & pvc Tanz Freiburg Heidelberg: Die Beschenkten

 

Kunstreiten

Die Dressurmeisterin (und Soundtüftlerin) öffnet die Stalltür, auf die Spielwiese traben fünf junge Stuten. Sie scheuen, galoppieren und bäumen sich auf. Sie werden dressiert, vermessen, gescannt, getäschelt und begutachtet. Sie sind eigenwillig, verspielt, grazil, wild und zahm. Sie springen gegen Wände, schleichen an ihnen entlang, wälzen sich über den Boden und auf Strohhalmen. Mal formieren sie sich zu einer synchronen Herde, dann tanzt wieder jede nach der Choreographie der eigenen Instinkte.

Es wird viel transportiert auf dem Rücken dieser Pferde, in diesen 50 Minuten. Es ist ein ausdrucksstarkes, wunderschön und witzig komponiertes Zusammenspiel aus Soundcollage, Körpersprache und Schauspieleinlagen. Ein Kunstritt, der einen das Wort „Ausdruckstanz“ tatsächlich einmal ganz unironisch und wörtlich benutzen lässt. (mak)

Wilde Pferde: phRasen der dressur

 

Liebe, oh, Liebe, ich muss Ihnen sagen, wie ich fühle über Sie

Ich sehe überdurchschnittlich kostümierte Schauspieler in einem überdurchschnittlich ausgestatteten Bühnenbild. Ich denke: Vielleicht mein erstes relativ klassisches Stück innerhalb der letzten drei Tage. – Stimmt nicht: Die Dialoge zwischen den sechs Figuren googlen wild durcheinander um Politisches und Privates, Eheverhältnisse, Nahostkonflikt, Urlaub, Migration und Senf. Ihre Sprache stolpert querbeet durch GoogleTranslate-Kauderwelsch und gebrochenes Deutsch. Vielleicht wurde auch der Plot durch den Translator gejagt, jedenfalls ist auch der verworren. Im letzten Drittel des Stückes sitzt John Howell, personell mehrfach besetzte und ständig ein- und ausgewechselte Hauptfigur, neben mir und rülpst lauthals in den Zuschauerraum. Höhepunkt: Rosa singt auf Googledeutsch Lenas Satelite: „Ich ging überall für Sie / Ich habe sogar mein Haar für Sie / Ich kaufte neue Unterwäsche, sind sie blau / Und ich trug´em nur den anderen Tag“.

Ich nehme mit: Gut gelaunten Trash und einen Ohrwurm. (mak)

Hila Golan, Ariel Nil Levy & Ensemble: GoogleTranslate

 

So viele Hosen

Elektrobeat, Spotlight: ein zuckendes, orangefarbenes Schlafsackbündel. Heraus schält sich Arne Graeff. Er schält sich abgesehen davon innerhalb der folgenden Stunde aus unglaublichen! elf! Hosen. Jedenfalls hat der Typ Bühnenpräsenz, obwohl seine Rolle überhaupt nicht weiß, wohin.

Die One-Man-Show arbeitet den gängigen adoleszenten Problem- und Fragenkatalog ab. Es geht um Sexualität, Liebe, Selbstfindung und den Druck, ständig irgendwas machen zu müssen, am besten besser. Durchbrochen wird das, als Graeff sich im Schlafsack-Superman-Kostüm in einer Schlinge durchs Spotlight schwingt. Und als er im türkisgrünen Netzoberteil die Welt in Form einer Diskokugel fickt. Und dann bricht Plüschhund, der etwa 50 Minuten funktionslos auf der Bühne rumliegt, in hysterisch-fatalistisches Lachen aus, bei all den existentiellen Fragen, die da verhandelt werden. Existentiellste Frage: Wie geht das mit diesen Hosen? (mak)

Theater All You Need: Verpissen gilt nicht

Rollende Rollen

Hase fährt auf Rollschuhen ein, sagt: Ich habe euch was mitgebracht. Fährt auf einem Bein, dreht eine Pirouette und startet seine Show. Er monologisiert, animiert, plaudert und plätschert und hoppelt dabei 50 Minuten lang durch verschiedenste Stil-, Spiel- und Sprecharten. Er kann dramatisch und empört sein, entertainen und sächseln. Er kann Haken schlagen zwischen Angsthase, Mies-kar-nickel, Mümmelmann und sexy Bunny. Ein Hasen, der auf Rollen durch Rollen switcht und talkt: über Rollenzuschreibung, Rollenablehnung, Rollenmuster. „Ich stehe auf Rollen!“, ruft der Hase ganz zu Beginn. (mak)

Kathrin Mayr & Anjorka Strechel: Das kleine Hasenstück oder Meister L. lernt laufen

Brinkmanns Performance

Dieser Rolf-Dieter Brinkmann, mit dem das Stück „jetzt, jetzt und jetzt“ arbeitet, war einer der schlechtest gelaunten Autoren der jüngeren Literaturgeschichte, ein chronisch Angepisster, ein notorischer Nörgler, ein brillianter Motzer. Man sagt: der Vorläufer der Popliteratur. Außerdem einer, der seine Literatur selbst performt hat, auf Tonband, im Laufen, direkt eingesprochen, unmittelbar mitgeschnitten.

Ein literarischen Stoff also, der sich inhaltlich wie formal ausgezeichnet eignet, in eine Video-Audio-Tanz-Performance umgesetzt zu werden, die thematisch um untragbare Körperverhältnisse in urbanen Kulissen kreist. Ganz popliterarisch wird hier montiert und geremixt, die schnellen Schnitt- und Blickwechsel in Bewegung umgesetzt. Man schaut auch gerne zu, versteht, was mit den Vorgängen auf der Bühne gemeint ist. Nur ist der x-Mal wiederholte Loop ist nach 40 Minuten doch zu gut gemeint. Dann taucht unweigerlich die Frage auf, was Brinkmanns Vorlage jetzt gerade noch hinzugefügt werden soll. (mak)

Tool-Group: jetzt, jetzt und jetzt – R.D. Brinkmann

Von der Lippe

Kein Bühnenbild, kein Plot, keine Worte. Sondern: eine Kuss-Choreographie, ein Riesen-Repertoire von Lippenbekenntnissen, im fliegenden Wechsel ausgetauscht unter vier Performern.

Das muss gar nicht übertrieben gespielt werden. Der Kuss ist so oft abgefilmt und durchgespielt, dass seine Inszenierung mit wenigen, sehr schlichten und dezent eingesetzten Gesten auskommt. Mit welcher Bedeutung jeweils geküsst wird, zeigt sich schon in kleinen Andeutungen: der Abschiedskuss, der Versöhnungskuss, der Lassmichkuss. Der gelangweilte Kuss, der lang ersehnte Kuss, der vorsichtig fragende, der aggressive, der leidenschaftliche, der erste Kuss.

Dann werden dem Körperspiel sukzessive ein paar mediale Mittel hinzugefügt: Zwei setzen sich vor die Leinwand, es wird ein Cut-Up von Liebesdialogen eingeblendet, mit den Lippen nachgeformt oder geflüstert, dann ein Zusammenschnitt von Kuss-Klassikern der Filmgeschichte, dem die vier zunächst gebannt zusehen, von dem sie sich dann zu weiteren Kussattacken inspirieren lassen, am Ende fallen sogar ein paar Klamotten.

Eine spielerische Kuss-Doku, eine gut montierte Kuss-Collage, ein Kuss-Clip. Ein bisschen unaufregend, vor allem aber angenehm unaufgeregt. (mak)

(P.S.: Ein Kuss sagt zwar mehr als 100 Worte, aber 100 Worte reichen (mir) offenbar nicht, diese Küsse zu rezensieren.)

Schlicht & Einfach: Küss mich, Freiwillige Selbstkontrolle

Nehmt den Pollesch aus dem Mund!

Mitschnitt: „Ja, aber ich meine nach welchen Regeln schlafe ich mit dir? Können wir miteinander schlafen nach meinen Regeln? Aber dieser permanent kreativ-ökonomische Ausscheidungswettkampf hier! Dieser Unternehmerdruck, dieser postdisziplinäre Gegenwartsimperativ, ich hasse diese FDP-Kunstkacke, diese Nazi-Kalkulier-Vernunft! Ich meine das ist ja auch mein Alltag hier! Einfach mal raus aus diesem geleckten, patriarchal-zweckvoll-harten Scheiß, diesem postmodernen, turbokapitalistischen Kunstkram-Dschungelcamp. Hast du schon mal vernünftig gevögelt?“

Und genau: Dann noch ein bisschen Trash zur Theorie, Philosophie und Pop mixen, Soziologendeutsch-Gewitter meets Umgangs-Slang und das Wort „Scheiße“ wie ein Satzzeichen verwenden. Irgendwie erinnert mich das an jemanden. Ja: Pollesch. Nur dass man dem die Diskurs-Jonglage abnimmt und seinen Darstellern „die Scheiße“ glaubt. (mak)

Malte Schlösser: Kann ich deinen Diskurs mal in den Mund nehmen? Geborgenheit üben reloaded.

Raketen, Eisblumen und Altkleidersammlungen

Installationen aus dem „Institut für Raumexperimente“

von Lukas Rick und Maren Kames

„Institut für Raumexperimente“ – Im ersten Moment klingt das nach außerweltlichen Dimensionen, nach Vakuum, kreiselnden Körpern, Planetarien, Raketen. Und irgendwie muss ein Arbeitskosmos, der sich mit den Möglichkeiten der Kunst auseinander setzt, Räume und Raumwahrnehmung bewusst zu machen, umzubauen und umzudeuten, auch ein verschobenes Verhältnis zum Raum einnehmen, sich probeweise auf anderen Bahnen bewegen. 2009 hat Olafur Eliasson an der UdK Berlin einen solchen Kosmos eingerichtet, dieses Jahr stellen seine Studenten ihre Installationen in den Außen- und Innenräumen des Festivals aus.  Weiterlesen