Raketen, Eisblumen und Altkleidersammlungen

Installationen aus dem „Institut für Raumexperimente“

von Lukas Rick und Maren Kames

„Institut für Raumexperimente“ – Im ersten Moment klingt das nach außerweltlichen Dimensionen, nach Vakuum, kreiselnden Körpern, Planetarien, Raketen. Und irgendwie muss ein Arbeitskosmos, der sich mit den Möglichkeiten der Kunst auseinander setzt, Räume und Raumwahrnehmung bewusst zu machen, umzubauen und umzudeuten, auch ein verschobenes Verhältnis zum Raum einnehmen, sich probeweise auf anderen Bahnen bewegen. 2009 hat Olafur Eliasson an der UdK Berlin einen solchen Kosmos eingerichtet, dieses Jahr stellen seine Studenten ihre Installationen in den Außen- und Innenräumen des Festivals aus. 

Zum Beispiel: Friederike Horbrügger. Ihre Arbeiten ( „who are YOU?“, „raumsymmetrien“ & „Pflanzen pflanzen“) sind wie kleine, sehr genaue Studien zu unserer Raumwahrnehmung, ihrer Konditionierung im Alltag und den Möglichkeiten sie aufzubrechen, umzulenken, zu verändern. Da steht ein Einzelner im Blickpunkt, der kurz vom kollektiven Festivalgeschehen und seinen Menschenmengen ablenkt. Da fährt eine Kamera durch die Unter- und Nebenräume unserer Sichtfelder und zeigt Übersehenes. Da ist eine Pflanze in Eis gepflanzt. Spotlights, Perspektivwechsel, Blickverschiebungen.
„Der Blick aus dem Fenster“: Durch die halb geöffneten Jalousien der großen Fensterfront bricht die tiefstehende Wintersonne und belegt ein Klavier, antike Bodybuildigmöbel und verstreutes Baumaterial mit einem unwirklichen Schimmer. Hier, unter dem Dach des HAU ZWEI entsteht ein utopischer Raum, der von den Künstlern Andreas Greiner und Julian Bisesi gestaltet, die Besucher einlädt, abseits vom Brodeln des Festivals Menschen zu begegnen. Menschen, die aus den unterschiedlichsten Generationen und Leidenschaften heraus ein Potenzial schöpfen. Das Potenzial einer Mischung aus Lebenserfahrung und jugendlichem Eifer, künstlerischer Virtuosität und der bloßen Lust am Tun. Ein absoluter Möglichkeitsraum.

„Celebrating the small gestures“ – Durch dezente Veränderungen fügt Raul Walch den Räumlichkeiten des Festivals neue Charaktereigenschaften hinzu. Kleine Irritationsmomente lassen den Besucher innehalten und provozieren eine bewusste, spielerische Wahrnehmung des Raums. Die Rezeptionsdistanz wird durch das Betreten, Berühren und den unmittelbaren physischen Impact auf den Besucher aufgehoben. Ähnliches passiert bei „großer Stoff schwarz weiss“: Die Umdeutung des Zuschauerraums in den Raum des Geschehens, die Verwandlung der heterogenen Menge in eine große synchrone Bewegung.
Den Landwehrkanal bedeckt eine fragile Schicht aus dünnen Treibeisschollen. Unweit vom Ufer stehen Kleiderensembles wie vereist auf einer Grünfläche, als hielten sie den Moment fest, in dem sich ihre Besitzer kurzerhand in Luft auflösten. Maresa Ostner und Jan Fiege erforschen in ihrer skulpturalen Arbeit mit dem Titel „cast“ die Frage, wie lange und unter welchen Umständen Rollen weiterleben, nachdem sie abgelegt wurden. Im Rampenlicht der Sonne wird geschwitzt, getaut, gefroren und gezittert wird. Bis nur noch ein Häuflein bleibt, das man für Verlorenes hält.

Es sind Proben, die wir hier zu sehen bekommen: Arbeitsproben einerseits, eine Präsentationsform im Modus des Ausprobierens andererseits; nämlich ein Experimentieren damit, was passiert, wenn die Bildende Kunst den musealen Ausstellungsraum der Galerien verlässt und in den Kontext eines Theaterfestivals exportiert und eingeschleust wird. Dieses Zugehen auf andere Räume, die Suche nach Reibungspunkten, Schnittmengen und Anschlussmöglichkeiten mit anderen Feldern gehört zur grundlegenden Arbeitsweise des Instituts für Raumexperimente. In Form von Gastvorträgen, aber auch bei der Entstehung jedes einzelnen studentischen Projekts gestaltet sich diese Arbeit als ständiger interdisziplinärer Austausch zwischen Kunst und Wissenschaften wie Physik, Philosophie, Astronomie, Musik, Mathematik oder Psychologie. Aus der Inspiration durch diese Bereiche entstehen verschiedene Interpretationen dessen, worin heute das Potential von Kunst liegt. Eliasson selbst möchte damit auf eine Kreativität hinaus, die sich nicht hinter formalen Fragen versteckt und in eine abgeschottete Umgebung zurückzieht, sondern sich mitten in die Wirklichkeit setzt und selbst Wirklichkeit herstellt: „Für mich ist das Experiment als Format zur Untersuchung notwendig, wenn wir auf einer konstanten und prüfenden Interaktion mit der Realität bestehen wollen.“ Damit ist das Institut für Raumexperimente selbst ein Experiment – nur sicher keines, das in außerweltlichen Dimensionen stattfindet, im Vakuum, zwischen kreiselnden Körpern, Planetarien und Raketen, sondern genau hier, unter uns, da draußen, im HAU, in den sophiensaelen und vor dem WAU. Also Augen aufmachen, ihr könntet unter ein großes Tuch geraten oder über eine Eisblume stolpern.

Die Installationen der Klasse Eliasson (neben den vorgestellten sind Arbeiten von acht weiteren Studenten ausgestellt, sowie zwei Künstler, die nicht mit dem Institut zusammen hängen) finden sich im HAU 123 und den sophiensaelen, verteilt auf Foyers, Treppenhäuser, Innenhof und Wiese. Achtung: Zum Teil sind Spielzeiten zu beachten.

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