„Zu viel Ich ist scheiße und zu viel Wir ebenso“

WIR , das neue Großprojekt von Andreas Liebmann

„Der Individualismus ist durch, der Kollektivismus auch“, sagt der Schweizer Regisseur und Schauspieler Andreas Liebmann – was bleibt sind Wir, bin Ich. Aber was ist das Wir und wie verhält sich das Ich zu ihm und umgekehrt? Wie viele Wirs gibt es von einem Ich? Was sind Gruppen, wie verhält sich das Ich zur Gruppe? Und ist der Individualismus wirklich durch und der Kollektivismus ebenso?

Foto: Renate Baricz

 

Andreas Liebmann hat sich losgemacht. Losgemacht von Gruppenproduktionen, losgemacht von Sekundärliteratur, losgemacht von jeglicher Wissenschaft. Die Themen, die er aufgreift, gehen ausschließlich zurück auf persönliche Erlebnisse, auf seine Erinnerungen aus der Pfadfindergruppe, auf Regie- und Theatererfahrungen bis hin zum Moment des größtmöglichen Individualismus: dem Sterben, dieses das menschliche Leben immer begleitende Wir, vor dem sich das Ich zeitlebens oft zu verstecken versucht. Inwiefern die unterschiedlichen Gruppen abstrakt dargestellt werden oder nicht, hält er offen. „Weit bin ich mit meiner Arbeit noch nicht, aber das was ich rausgefunden habe, erzähle ich abgerundet“.

Der Ansatz, den der 39-jährige verfolgt, ist dabei kein soziologisch wissenschaftlicher, sondern ein persönlich intuitiver. Seit Herbst 2010 arbeitet er an „WIR“, die erste und bisher einzige Aufführung fand in der Kaserne Basel statt. Seitdem entwickelt sich „WIR“ stetig weiter:
Auf dem 100° Festival zeigt Liebmann nun erstmals neue Ergebnisse, ein Zwischenresultat. Auf der Bühne wird er alleine stehen, Kurzfilme zeigen, etwas Musik spielen und lesen. „Eine Soloperformance? Ja, weil ich der einzige Spieler bin. Nein, weil es nur mit Publikum zu einem Stück werden kann.“, sagt er.

Das 100° bietet für ihn die Möglichkeit, anhand des wohlmöglichentstehenden Austauschs an seinem Projekt und den damit verbundenen Gedankengängen weiterzuarbeiten. „Für mich ist es Zeit geworden, über diesen gesellschaftlichen Overkill, Zusammenleben/ Alleinesein/ Zusammenleben/ Alleinesein, eine Produktion zu machen. Theater ist das Ausdrucksmedium, in dem ich die Sachen, die mich beschäftigen, verhandeln kann“.

Heute um 20.00 Uhr kann das kollektive WIR und das individualistische ICH im HAU 1 an diesem Prozess teilnehmen.
(ls)

-> 100Wort! Kritik zu Andreas Liebmanns „Wir (erste Annahmen)“

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