Das ist unsere Stadt

von Karl Wolfgang Flender

Wir stehen am Absatz der Treppe des U-Bahnhofs Hallesches Tor und beobachten die vorbeigehenden Menschen. Unsere Wahl fällt auf einen Mann mittleren Alters mit einer gelben Plastiktüte, der in Begleitung einer Frau an uns vorbeischlendert. Wir machen unsere Einsätze. Ich drücke meine grünen Klebepunkte auf die Felder Alt-Tegel, dritter Wagon und das Sonderfeld „Küssen“. „Rien ne va plus, er hat den Bahnsteig betreten“ knackt es aus dem Walkie-Talkie. Wir rennen hinterher, folgen dem Paar auf die Alt-Mariendorf-Seite, schon mal schlecht für mich, ducken uns hinter einer Säule. Der Mann stellt die Türe ab und nimmt die Hand der Frau. Dann beugt er sich zu ihr herab und – win! Sie küssen sich. Der Croupier händigt mir zwanzig neue Klebepunkte aus: diese Runde „Surveillance Roulette“ geht an mein Team.

Während sich Street Games im letzten Jahrzehnt in den USA schnell zu einer eigenen Spielkultur und Kunstform entwickelt haben, sind sie in Deutschland selbst in der Theater- oder Gameszene noch wenig verbreitet. Und: Spielen auf der Straße – ist das nicht nur etwas für Kinder?

Die aus allen möglichen Kunstkontexten zusammengewürfelte Gruppe „Invisible Playground“ um Gründer Sebastian Quack überzeugt uns beim Probespielen vom Gegenteil: sie entwickelt anspruchsvolle und spannende Erwachsenengames, die den Stadtraum mit einer Kombination aus Performance, Spiel und Technologie erschließen. Sebastian Quack erklärt das Prinzip der von ihnen entwickelten Spiele: „Die meisten Games sind kurz. Die Regeln sind einfach, aber genau dem Ort angepasst. Die persönliche Interaktion der Spieler untereinander sowie zwischen Spielern und Stadtraum bringt den Hauptspielspaß.“ Auf dieser Basis erleben wir schon beim relativ kurzen Probespielen eine große Spielvielfalt, die durch technische Gadgets noch gesteigert wird: die Walkie-Talkies beim Surveillance Roulette sind da noch die konventionellsten Mittel.

Street Games sind – eigentlich selbsterklärend – auf die Aktivität und Motivation ihrer Spieler angewiesen, wer die Füße lieber im Theater hochlegen möchte, ist hier falsch. Nach dem typischen anfänglichen Abtasten innerhalb der Gruppe entwickelt sich während des gemeinsamen Spielens schnell eine Dynamik aus Vertrautheit und Konspiration, aber auch Konkurrenz: am Gleis bin ich fast versucht, einen Sitzplatz der Bank zu blockieren, auf die der Beobachtete des gegnerischen Teams zusteuert und ihnen damit Sonderpunkte bescheren würde. Außerdem wird durch das Spielen irgendwann ein kritischer Punkt überschritten, bei dem man das Street Game als eigene Kunstform wahrnimmt und „drin“ ist. Zwar greifen die Street Games Elemente des ortsspezifischen Theaters oder der Theaterpädagogik auf, grenzen sich aber bewusst von der Pädagogik oder „Reclaim-the-streets“-Politik ab, man will eben „nur“ spielen. Dieses „nur“ bedeutet jedoch eine ganze Menge: „Der Spaß steht im Vordergrund, aber es werden auch Freiheiten des Stadtraums ausgelotet und fast beiläufig Mikroutopien des menschlichen Zusammenlebens installiert.“

Besonders spannend an den Spielen von Invisible Playground ist das ortsspezifische Gamedesign, bei dem der Stadtraum die Art der Spiele inspiriert und sie dann parallel zu den normalen Nutzungsweisen eines Ortes stattfinden: Die U-Bahn fährt nach Plan, die Menschen gehen ihren Geschäften nach; man muss nur eine Spielidee auf den Rhythmus der Stadt setzen, schon wird die sonst vielleicht unbeachtete Abfolge der Ampelphasen entscheidend für den Spielausgang. Diese Reibung zwischen Spiel und Umwelt schärft die Wahrnehmung des Individuums für die Freiheiten, die sich im Stadtraum zur eigenen Gestaltung bieten. Die Art, in der man sich durch die Stadt bewegt, verändert sich.

Spielen können Sie mit Invisible Playground hier beim 100° (bitte warm angezogen – auf den Streets ist es kalt), sowie beim internationalen Street Games-Festival „You Are GO!“, das vom 17. Bis 19. Juni im HAU123 stattfindet.

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