Darüber, dass alles so gleich ist im Menschen und er sich alles abschneidet, was übersteht, den Anderen gleich mit

Falls sich jemand wundert: Ich habe heute für jede meiner anderen Kritiken exakt 100 Worte verwendet und gönne mir deshalb jetzt, in der letzte Ausgabe der Festivalzeitung, den Luxus der unbegrenzten Worte. Mit Dekadenz hat das wenig zu tun, denn es geht um eine Performance, der ich mit 100 Worten nicht gerecht werden kann.

„Also, ich bin Leonard. Das hier ist eine von diesen Selbstdarstellungsperformances.“ Er hat uns Popcorn mitgebracht. Ein Pseudohermaphrodit, das ist ein Zwitter, aber nicht mal ein richtiger. Sowas wie: ein Auto ohne Motor, eine Fassade ohne Haus. „Ich bin wirklich immer das, was ihr denkt, was ich bin.“ – Für mich ist er wirklich immer das, was er zeigt, was er ist. Das kann ganz schön anstrengend werden, wenn er sich Boxershorts über Slip und Sport-BH zieht, Langhaar-Perücke mit Polizeihut tauscht und sein rechtes Bein rot, das andere weiß anmalt.

„Meine Kondition ist, dass mich jeder Arsch auf der Straße anglotzt“, weil er schon durch seine bloße Existenz provoziert, so sehr, dass ein Großteil des Publikums noch vor dem eigentlichen Gipfel den Raum verlässt. Dann kommt das Schulpult zum Einsatz, in das jemand gut sichtbar „Ich hatte Sex mit Adolf Hitler“ geritzt hat. Darauf lässt sich Leonard als Hitlers Mutter von Hitler „auch mal in den Po“ ficken und schreit dabei: „Stalingrad, Dresden, Judenfrage…ich komme!“

„Ich, ich, ich, ich, ich, ich…“, während er Fotos um sich herum auf dem Boden verteilt. „Ich“ gibt es nicht, zumindest nicht eins. Ist doch alles klar. Was ist aber das Problem? Wenn die Übriggebliebenen den Raum verlassen, verschwimmt diese Klarheit, die sie, im Gegensatz zu denen, die noch früher gegangen sind, wenigstens kurz gesehen haben. Wenn wir den Raum verlassen, ist alles beim Alten und es bleibt nur das:

„Es ist alles so gleich im Menschen und er schneidet sich das ab, was übersteht und den Anderen gleich mit. Was kaputt machen und wieder aufbauen und kaputtmachen und wieder aufbauen. So ist es und mehr nicht.“

Das hat mich umgehauen. (mas)

Tucké Royale: TUCKÉ ROYALE

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