Machos, Hühner und Mario Barth: Die Tanzproduktion „V.I.P.“ in den Sophiensaelen

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V.I.P. (c) Emilien Leonhardt

Es ist der 14. Februar 2013, als ich Nightmare before Valentine in einem Tanzstudio in Friedrichshain treffe. Es ist Valentinstag und nur Zufall, dass gerade diese Kompanie heute für ein Interview und einen Probeneinblick zur Verfügung steht.

Werbung haben Nightmare before Valentine nicht mehr nötig, sind sie doch letzte Woche erst als Tipp in der RBB-Kultursendung „Stilbruch“ vorgestellt worden. Und auch „V.I.P.“ dürfte wohl den Geschmack des breiten Publikums treffen. Denn Geschlechterstereotype erfreuen sich nicht zuletzt seit Mario Barth großer Beliebtheit.

Klischeehafte Figuren gibt es auch in diesem Stück, Mann und Frau sind gleich als solche zu erkennen. Er, der von der Tänzerin Mayra Wallraff dargestellt wird, trägt Hemd und Krawatte, sie (Simone Grindel) ein kurzes Röckchen, einen Fuchs um den Hals und eine rote Handtasche. Die dritte Person ist weniger eindeutig gezeichnet, eine Kindfrau (Julia Asuka Riedel) in einem süßen Kleid und mit raspelkurzem Haarschnitt. Macho, Lady und Lolita offenbaren sich aber nicht nur durch ihre Kostüme, sondern auch und vor allem durch Körperlichkeit. Sie erscheinen in einem Moment wie Liebespartner, dann wieder wie eine Familie. Oder ist am Ende nur eine Person mit verschiedenen Gesichtern dargestellt? Die Choreographie von Birgitt Bodingbauer spielt mit Nähe und Distanz und lässt diese Fragen bewusst unbeantwortet.

Doch das Stück hat mehr zu bieten als Reibungen zwischen den Geschlechtern, Verführung und Sexualität. Die anderen Aspekte kommen allerdings weniger offensichtlich daher und sind oft doppeldeutig angelegt. So baut der Titel „V.I.P.“ eine gewisse Erwartungshaltung beim Betrachter auf, mit der leicht gebrochen werden kann. Berühmtheiten sucht man auf der Bühne vergeblich, obwohl die Lady schon so einige Starallüren hat. Auf der anderen Seite schafft ein Celebrity genau so eine Projektionsfläche, wie es die stereotypen Charaktere tun.

Stummfilme mit Buster Keaton habe sie viel geschaut, sagt Choreographin Birgitt Bodingbauer. Modern sei für sie daran, dass der Mensch damals genauso hilflos und überfordert vor dem technischen Fortschritt gestanden habe wie heute. Die Behandlung der zahlreichen Requisiten lässt in der Tat an die Stummfilmära denken. Ob Telefon, Megafon, Perücke, Spielzeugmesser, Mini-Keyboard oder Fusselroller, sie alle rufen ganz eigene Assoziationen beim Zuschauer hervor.

Eine Geschichte oder Handlung in dem Sinne gibt es nicht. „V.I.P.“ setzt sich aus einzelnen Bildern zusammen, die mal mehr, mal weniger stark sichtbar sind. Zum dritten Mal ist die Berliner Kompanie nun schon beim 100 Grad Festival dabei, nach 2010 und 2011. Birgitt Bodingbauer plant, das Bühnenbild eher schlicht zu halten: Zwei Fenster und eine grüne Fläche auf dem Boden sollen mehr Installation als Raum sein.

Musikalisch ist „V.I.P.“ ziemlich gefällig aufgestellt. Alpenrock des österreichischen Musikers Hubert von Goisern und Folklore-Tänze wechseln sich ab mit monumentaler E-Gitarre, die an Pink Floyd erinnert. Whitney Houstons „One moment in time“ ist nicht nur zu hören, sondern lieferte mit der Zeile „Give me one moment in time, when I‘m more than I thought I could be, when all of my dreams are a heart beat away, and the answers are all up to me“ Inspiration zum Grundgedanken des Stückes „schöner schneller berühmt und dabei authentisch lebendig“. An manchen Stellen steht der Tanz aber auch ganz pur für sich.

In solchen Momenten zerfallen die Bilder vielleicht ein bisschen. Dafür konzentriert sich der Betrachter automatisch mehr auf die Bewegungen, die vor allem in ihrer Synchronität und durch das gute Timing der Tänzerinnen überzeugen. Die Geschlechterstereotype entpuppen sich mehr und mehr als Witzfiguren, so viel sei schon gesagt. Die Frauen erscheinen als kopflose Hühner, die schüchterne und unsichere Lolita fängt an, kokett zu flirten und der Mann wirkt nicht mehr selbstbewusst, sondern eher albern. In dieser ironischen Brechung liegt eine weitere Stärke von „V.I.P.“.

Es geht also um Genderrollen, aber auch um andere Aspekte des modernen Lebens, um Kommunikation, Konsum, Neurosen, Überwachung und um Verfolgungswahn. Vier Frauen haben hier in einer Gemeinschaftsproduktion ein Stück geschaffen, das nicht nur das andere, sondern auch das eigene Geschlecht entlarvt.

Text: Lena Guntenhöner

Nightmare before Valentine zeigen „V.I.P.“ am 21. Februar um 21 Uhr im Festsaal der Sophiensaele.

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