Interview mit Kathrin Veser

Kathrin VeserVon Anfang an dabei – so könnte man in Bezug auf Kathrin Veser sagen. Die in Erlangen und Berlin ausgebildete Theaterwissenschaftlerin und Germanistin leitete die Produktion der zweiten 100Grad Edition und übernahm die Supervision für viele weitere Jahre. Bevor sie 2012 nach Zürich an die Gessnerallee Zürich wechselte, war sie festes Mitglied des Kuratorenteams am HAU. Festlegen kann man Ihre Arbeit nicht. Auf der internationalen „reART:theURBAN“ Konferenz Oktober 2012 in Zürich wurde zum Beispiel, initiiert durch den Kurator Imanuel Schipper, die Frage nach dem Einfluss von Theater und Kunst auf die Gesellschaft herausgearbeitet. Ob und wie das 100° Festival in Berlin nach 10 Jahren eine Rolle darin spielt, erzählte sie uns in etwas mehr als 100 Worten.

10 Jahre 100°! Wie fühlt es sich an? Seit deiner Produktionsleitung für die zweite Edition des Festivals ist viel Zeit vergangen. Hättest du damit gerechnet, dass das Festival so viel Erfolg haben würde? Es fühlt sich spitze an, darum werde ich bei dieser Edition wieder als Besucherin dabei sein. Das Festival war schon damals ein Zuschauer- und Gruppenmagnet – ich freue mich vor allem darüber, dass es mittlerweile weniger als Präsentationsplattform bestehender Arbeiten, sondern als Experimentierfeld für Neues genutzt wird.

Was empfindest du als größte Unterschiede innerhalb des 100°, wenn du an früher und an heute denkst? Früher waren die Aufregung und das Chaos grösser. Heute wissen alle, wie`s funktioniert. Das hat den Vorteil, dass künstlerisch mehr gewagt wird als früher. Außerdem mussten wir uns früher gegenüber der Freien Szene rechtfertigen, dass wir bei 100° keine Gagen zahlen. Das hat sich geändert, jetzt nutzt die Szene das Festival für ihre Zwecke: zum Netzwerken, zum Experimentieren und zum Präsentieren verschiedenster Formate.

Stichwort „transdisziplinär“ – Kann das 100° sich noch stärker als ein Theater-en-masse aus allen Sparten und auf allen Ebenen profilieren? Das findet zum Teil schon statt mit Arbeiten aus der Bildenden Kunst, Musik, Film und eben Theater, Performance. Nur der Tanz (insofern man ihn noch von der Performance abgrenzen will) hat es noch nicht ans 100° geschafft.

Welche Auswirkung hat das 100° deiner Meinung nach auf die Gesellschaft? Ich glaube nicht, dass 100° irgendeine Auswirkung auf die Gesellschaft hat. Wenn, dann hat es das auf die Besucher – nämlich: glückliche Erschöpfung!

Ist das 100° für dich ein Monster, welches von alleine stetig wächst und sich blutsaugend von der Bereitschaft anderer ihre Kunst zu zeigen, ernährt oder ein ganz anderes Wesen? 100 Grad ist ein organisatorisches Monster für die Produktionsleitung, die Technik und das ganze Haus. Es kickt den Adrenalinspiegel und fordert den sportlichen Ehrgeiz der Zuschauer heraus. 100° ist wie Berlin im Kleinen, zu viel passiert gleichzeitig an zu vielen Orten – darum ist es genauso aufregend und anstrengend.

Gemeinsam mit Daniela Aue hast du 2009 für „Tollkühnes Singen“ den Jurypreis des 100° bekommen. Hast du je daran gedacht, dass dies passieren könnte? Nein, das hat mich überrascht. Wir haben uns mit dieser Arbeit beim 100° Festival beworben weil wir wussten, dass wir dort viele Menschen zum Mitsingen finden. Über den Preis haben wir nicht nachgedacht.

Heimat, altes Liedgut und Naturidylle waren damals der Kern des Stückes, womit würdest du heute auftreten? Mit katholischen Kirchenliedern.

Kannst du dir auch ein 100° im Freien vorstellen? 140 Vorstellungen an 4 Tagen im Wald inklusive Zeltplatz stell ich mir super vor. Aber nicht im Februar und nur wenn es nicht regnet.

Singst oder machst du noch Musik, neben dem Theater? Die Musik habe ich aus Zeitgründen aufgegeben. Für die Schweiz hatte ich den Plan gefasst, mehr Sport zu treiben. Darauf bin ich vom Fahrrad gefallen und hab mir beim Skifahren eine Rippe gebrochen. Jetzt überlege ich tatsächlich, in einen Chor einzutreten. Das ist ungefährlicher.

Wie kam es zu der Entscheidung im Hintergrund die Fäden zu ziehen? Ich habe Musik gemacht, Theater gespielt, versucht Bühnenbilder zu bauen und Regie zu führen und dann Theaterwissenschaften studiert. Das letzte, was ich mir damals beruflich vorstellen konnte, war Produktionsleiterin oder Dramaturgin zu werden. Beides ist eingetroffen, da ich irgendwann festgestellt habe, dass ich lieber KünstlerInnen unterstütze, als selbst künstlerisch tätig zu sein. Als Hobby, wie bei „Tollkühnes Singen“, ist das OK. Für 100° hätten wir disqualifiziert werden müssen – als Laienspielgruppe.

Pendelst du viel zwischen Berlin und Zürich? Ja, die Kombination dieser Städte kann ich nur wärmstens empfehlen. Wenn Berlin zu anstrengend, dreckig, laut und prekär ist – fahr nach Zürich. Wenn Zürich zu klein, zu sauber und zu reich ist – dann fahr nach Berlin.

Welche Umstellung fiel dir beim Wechsel an die Gessnerallee vom HAU am schwersten? Die sprachliche Umstellung. Langsamer sprechen, Wünsche formulieren, keine „Ansagen“ machen.

Wie siehst du die Zukunft des Festivals? Heroisch.

Gibt es einen Moment innerhalb der letzten 100° Editionen und Jahre, die du ganz besonders in Erinnerung behalten hast? Mein Lieblingsprojekt war die Sauna von Hamster Damm. Er hatte einen LKW in eine mobile finnische Sauna umgebaut, die stand vor dem HAU 2, war fast 100° heiss und es gab kaltes Bier und Wodka. Immer wenn jemand mit knallrotem Gesicht in einer Vorstellung auftauchte, wusste man, der kommt aus der Sauna.

Fallen dir Pannen ein, die das 100° hatte? Die Badewanne, die zum Abkühlen neben der Sauna stand, ist ausgelaufen. Das Wasser floss auf die Grossbeerenstraße. Es hatte 4 Grand Minus: Eisfläche. Am nächsten Morgen stand die Polizei vor der Tür.

Wenn du nun die Leitung des Festivals erneut übernehmen müsstest, was würdest du ändern und worauf würdest du achten? 100° organisiert man einmal und dann nie wieder.

Wenn du an deine Zeit am HAU denkst und an das 100° gibt es ein Fazit welches du ziehen würdest? Eine wahnsinnige, durchgeknallte Sache mit großartigen Kollegen.

Text: Anna Lazarescu

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