Guck mal, wie es ihnen geht

Wie das Theater von unserer Welt erzählt

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„Ich glaube, was wir jetzt brauchen, sind ganz kleine Schritte, die dann zu einer größeren Veränderung führen können“, sagt die iranische Schwester in Ana Zirners Stück wo ist meine stimme. Die Münchner Theatermacherin ist 2009 in den Iran Iran gereist, um zu schauen, wie es jungen IranerInnen erging.

Wie steht es also um sie? Wie geht es unseren NachbarInnen, denen, die wir nicht kennen? Das wollen wir eigentlich von den Künsten wissen. Die letzte Documenta in Kassel wirkte wie ein gigantisches Museum der Gegenwart, die letzte Berlinale hat zwei Filme ausgezeichnet, die die gesellschaftlichen Brüche im post-kommunistischen Rumänien und die Armut in einem bosnischen Roma-Viertel schildern. Und das Hebbel am Ufer begann im vergangenen Monat damit, das Ganze in der neuen Diskussionsreihe Phantasma und Politik theoretisch zu analysieren.

Auch durch einige Theatermacher des 100 Grad Festivals erfahren, was in der Welt geschieht. Ana Mendes etwa versucht, die Schwierigkeiten einer 15-jährigen Migrantin aus Afghanistan in ihrem getanzten Monolog DANCE PLAY auszudrücken. „Sie läuft langsam, weil sie von weit weg kommt…“ In BRAZILIFICATION teilen Miriam Walther Kohn, Christopher Kriese – die beide schon als Kind in Brasilien lebten – und Marcel Grissmer – der sich in das Land verliebt hat – ihre Gedanken über eine für uns oft unverständliche Gesellschaft mit. „Ich dachte die Favelas waren Anarchie, Gewalt – aber es stimmt gar nicht! Die Leuten grüßen sich auf die Straße“, so Marcel.

Wie wirkt auf uns das Theater, das von Politik erzählt? „Die ‚Effizienz‘ oder tatsächliche politische Wirkung steht bei allen Formen des direkt politischen Theaters in Frage“, schrieb Hans-Thies Lehmann in seinem Referenzbuch Postdramatisches Theater. Was Ana Zirner motivierte, Zeugenausssagen im Iran zu sammeln, war vor allem Neugier. „Während des arabischen Frühlings habe ich mich gefragt, wie es dem in Iran jetzt geht? Ich finde es immer spannend zu schauen, was passiert da, wo man nichts mehr hört“, betonte sie jüngst gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Theater ist kein Journalismus, es kann sich Zeit nehmen für Themen ohne „brennende Aktualität“.

Hans-Thies Lehmann schreibt weiter: „Theater ist auf eine Indirektheit und Verlangsamung, auf reflektierende Vertiefung politischer Themen angewiesen. Sein politischer Einsatz liegt nicht in den Themen, sondern in den Wahrnehmungsformen.“ Und so hat sich Ana Zirner bewusst entschieden, die Aussagen der jungen IranerInnen von deutschen SchauspielerInnen sprechen zu lassen. „Wenn man Iraner vor sich hat, dann stellt sich sehr schnell so ein Gefühl: das sind die, die sind woanders. Das wollte ich durchbrechen, weil mein Ziel tatsächlich Brückenbauen ist und Material zur Verfügung zu stellen aus einer uns doch sehr fernen Welt.“

revolutionDas Theater kann auch über eine noch fernere Welt fantasieren. Ebenso kann eine ganze Welt auf der Bühne zerstört werden – wie in der Operette Zusammenstoß von Jakob Weiss, die durch ein mögliches Ende der Welt spannende gesellschaftliche Fragen aufwirft. Und andersrum kann eine Welt auch wieder aufgebaut werden – wie in der interaktiven Videoinstallation von wirsindnichtdiecd. Hier geht es darum, einen unbekannten Planet zu besetzen, dort eine neue Gesellschaft aufzubauen und einmal Auszeit zu nehmen von der Schwerkraft der alten Erde. Folgerichtig lautet der Titel gravity give us a break. Auch dafür ist das Theater gut. (nf)

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