68 ½ – Well-Being vs. Wellness

eva hintermeyer, sarah kindermann, laurin thiesmeyer, johann d thomas_foto6 von veronika knaus

contemporary-intimacy.de

Das Contemporary Intimacy Movement setzt sich mit verschiedenen Formen zeitgenössischer Intimität auseinander. Im Rahmen ihrer Durational Performance/Installation 68 1/2 auf dem 100 Grad Berlin Festival sind vier Essays entstanden. Teil II

Von Kathrin Maurer

Bei der Begrüßung wirkt Performerin S. furchteinflößend. Ich kann ihre Gesten nicht gut lesen, und ihre Mimik scheint mir eher Häftlingsverhältnis als Kuschel-Kontemplation anzukündigen. Auch die Klientin vor mir in der Reihe scheint sich nicht besonders darüber zu freuen, scharf angewiesen worden zu sein, ihre Hände ordentlich in den Zwischenräumen zu reinigen. Sie sieht angeekelt aus, während sie mit dem Feuchttuch schrubbt.

Sobald ich jedoch ein Schriftstück in Händen halte, den Fragebogen, fühle ich mich geborgen. Nach dem Ausfüllen – das erste Erfolgserlebnis stellt sich ein – wirken endlose Stimmungsmelodien und so richtig stupides Warten krampflösend. Der letzte Rest körperlichen Unbehagens verliert sich während des Beratungs-Sit-Ins auf einem Gymnastikball, dem ultimativen Physiotherapie-Gadget, und das Kuscheln selbst stellt sich zu meiner Überraschung später heraus als: Heimspiel.

Davor die Typberatung: „Bravo“ all over again. Fürs eigene Gefühl macht Performer L. das gut, hinterher wird er äußern, er sei bisweilen überfordert davon gewesen, von dem vielen Persönlichen, das all die KlientInnen während dieser Station des Stückes gesprochen hätten. Sozial zu arbeiten, erfordert Routinen und Abwehr, denke ich mir. (Amanda Palmer1 würde das wohl nicht unterschreiben, obwohl auch sie körperliche und emotionale Interaktionen in den Mittelpunkt des Lebens rückt, auch Barbara L. Fredrickson würde das wohl anders sehen.2)

Der Gymnastikball bei 68 ½ signalisiert mir schließlich eindeutig eine Antithese, die reine Simulation von Menschlichkeit. Der After-Performance-Effekt ist wie Escort-Service, eben eine eskortierende Dienstleistung, und zwar zu Körperlichkeit, Intimität und Wohlbefinden; Im Sprechmodus von L. wird durch Spiegelung das Gefühl von Verständnis hergestellt (The Girlfriend Experience, Steven Soderbergh, Sasha Grey). Fazit: Einfach auch mal keine Competition. Man bekommt für 1 Zeit 1 Menschen für sich alleine. Großes Luxusgut.

Was auf keinen Fall geschieht: Die Etablierung einer gewohnten Interaktionssituation. Die formale Strenge des einbahnigen Austausches erscheint als Dienstleistungs-Konzeptkunst.

Das mir zugewiesene Kuschelpaket beinhaltete leider nicht: ein vorgesungenes Lied, die Trinkflasche gegeben und die Ohren gereinigt zu bekommen.

Am behaglichsten wurde ich berührt von:

J.
E.

Am unbehaglichsten wurde ich berührt von:

S.
L.

 

1 Musizierende, Autorin und Performerin, legendär erfolgreiche Crowdfunding-Pionierin, assoziiert mit The Dresden Dolls, Neil Gaiman.

TED-Talk „The Art of Asking“: https://www.youtube.com/watch?v=xMj_P_6H69g (13:47 min.)

2 Psychologin und Autorin, deren Grundidee die Generierung positiver Energie auf Mikroebene via (körperlich präsenter) Kontaktaufnahme und Verbindungsherstellung ist.

Besprechung von „Love 2.0“: http://www.brainpickings.org/2013/01/28/love-2-0-barbara-fredrickson/

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