Das System auf Tuchfühlung – 68½

eva hintermeyer, sarah kindermann, laurin thiesmeyer, johann d thomas_foto2 von veronika knaus

contemporary-intimacy.de

Das Contemporary Intimacy Movement setzt sich mit verschiedenen Formen zeitgenössischer Intimität auseinander. Im Rahmen ihrer Durational Performance/Installation 68 1/2 auf dem 100 Grad Berlin Festival sind vier Essays entstanden. Teil III

Von Simon Schultz von Dratzig
23.02.2015

„Wie jeden Donnerstag traf ich mich mit meiner Clique in der Muffathalle. Heute war ein neues Gesicht dabei. Wir unterhielten uns super. Das System gefiel mir mit seinen dunklen Haaren und seinen grünen Augen auf Anhieb. Nach einer Weile bot es mir an, mich zu begleiten.“ Blumentopf – Das schönste Gefühl
Das Internet ist an allem schuld; Auch daran, dass das anstrebenswerte Erlösungsversprechen endgültig im Diesseits angekommen ist. Zwar haben auch alternative spirituelle Perkussionsgemeinschaften zur Bekanntheit des sofortigen Seelenheils beigetragen; Die Bekanntheit der Instanterlösung wäre ohne das Netz jedoch weit hinter dem Wissen um die Wahrheit im Wein und des Glückes im Suff zurück geblieben.
Die 90er Jahre haben uns nicht nur den nötigen Schuss für spannende Vintage-Mode gebracht und uns aufregende Retro-HipHop-Parties beschert; Gleich wie der vollwertige Reformhausduft unsere Vorratsschränke eroberte, trat auch die Topfpflanze ihren endgültigen Siegeszug in den Arztpraxen unseres Vertrauens an. Und ganz unbemerkt setzte sich eine leise Revolution im globalisierten Finanzmarktkapitalismus in Gang.

Das Internet ist schuld, am Dating zum Beispiel. Es ist leider zu einfach, die These aufzustellen, dass wir uns einfach nicht mehr trauen würden, jemanden anzusprechen. Oder dass zwei Gegensätze sich schon finden werden, so lange wir alle nur unserem Herz folgen; Das Leben dauert ja lange genug. Oder dass wir strukturell Angst vor den Konsequenzen einer zu öffentlichen Körperlichkeit hätten – nein, besser – dass die Öffentlichkeit Angst vor konsequenter Körperlichkeit habe.

Nichts hält mich davon ab, der Person meiner Wahl einfach ein „I’ve noticed you around. I find you very attractive.“ zu schreiben, mit dem ich auf die potentielle Möglichkeit einer Option auf, sagen wir mal, Nähe hinweisen kann. Ein Glück, dass es einen Ort gibt, an dem ich mein persönliches Angebot ins System geben kann. Schon jetzt warte ich Gedanklich auf das Intime.

Angekommen in der angesagten Hinterhofbar werden wir direkt von einer netten waitress abgefangen. Sie bedeutet uns, etwa eine Viertelstunde zu warten, bis wir platziert werden. Auch wenn ein freier Platz in wörtlicher Sichtweite ist, braucht die Institution Bar tatsächlich rund 4,37 Minuten, um uns dort hin zu bringen. Zeit genug, um zu fantasieren; Das Wasser läuft im Mund zusammen, die Aussichten auf einen komfortablen Sitz und einen stark gemixten Drink stimmen mich fröhlich, auch und gerade weil ich beides nicht habe und während des Wartens nur davon träumen kann. Immerhin warte ich gemeinsam mit der Type neben mir. Meine Gedanken schweifen ab, ich phantasiere vom bösen Monster Kapitalismus, der das Sollen vom Sein trennt, das Resultat Begehren nennt und sich mit diesem Kniff die umfassende Verfügung über Körper, Geist und Seele sichert.

Meine Begleitung (und irgendetwas sagt mir, dass ich daher auch besonders dankbar für die Verabredung sein soll) gehört in die Kategorie der gefragtesten Young Urban Professionals. Recht schnell bekomme ich die Erfahrungen beim letzten Arbeitgeber aufgetischt. Ein global agierender Internetkraken, der unternehmensübliche Acht-Stunden-Tag endet gegen 17.00 Uhr.

Ich bin Single, kinderlos, gut gebildet, hohe Motivation, großer Aufstiegswille. Und ich bin unter 30. Wenn ich meinen Arbeitstag beendet habe, plane ich den Abend. Zu Hause essen muss ich nicht unbedingt, davor müsste ich einkaufen und letztendlich wartet niemand auf mich. Stattdessen kann ich mit der Kollegin vom Nachbarteam in der Kantine zu Abend essen. Ab 18.00 Uhr gibt es dort das Essen sogar à la carte. In der Stunde dazwischen kann ich an der Präsentation für das nächste Meeting feilen, gerade habe ich die neuen Zahlen noch im Kopf. Dann nehme ich gerne die Bento-Box mit Tofu und gelbem Curry. Statt Dessert gibt es Decaf-Espresso, anschließend kommt der Aerobic-Kurs. Donnerstags spiele ich mit meinem Projektpartner immer noch eine Runde Squash. Wenn uns dabei etwas einfällt, kann ich nach der Runde im Büro vorbei schauen und die Idee ins System einpflegen. Das Gehalt ist gut, das Team motiviert und wer viel macht, bekommt viel. Bei der Abrechnung kommt es nicht auf die Stunden an, denn alle wissen ja, dass das Team unermüdlich bis nach Feierabend an den Entwürfen saß, vor Projektabschluss sogar bis in die Nacht hinein. Rundherum kann ich nur eines sagen: Ich fühle mich ziemlich gut versorgt.

„Ich genoss die Nähe des Systems. […] Während wir auf seinem Bett lagen und es mich zärtlich streichelte versicherte mir das System immer wieder, wie gern es mich habe.“
Interior, back door bar: vom „Redemption Hot Toddy“ habe ich zum „Beet Root Infused Gin“ gewechselt und sitze behaglich in der schwarzen Ledersitzecke. Meine Begleitung hat sich auf die Suche nach den Toiletten gemacht, Eiswürfel klackern an der Bar, mein Bein stößt gegen den niedrigen, aus Treibholz gezimmerten Couchtisch. Ich gewöhne mich daran, nicht für alle Umstände Sorge tragen zu können und deswegen auch nicht zu müssen. Zeit, den Selbsthass zu überwinden, Realitätsbezug zulassen ist das Stichwort. Konkret heißt das: Einfach mal die Rechnung bezahlen, ein Taxi rufen und dem Prozess vertrauen – das haben Menschen schon immer so gemacht. Deswegen muss man nicht auf etwas bestehen, sondern kann sich auch mal an genau der Sache freuen, die man abbekommen hat.

„Ich hatte mich immer vor dem Schmerz beim ersten Mal gefürchtet. Doch das System war so liebevoll, dass es gar nicht weh tat.“
Zuneigung, Geborgenheit, Sicherheit. Das bekomme ich auch an der Kasse meines Bio-Supermarktes, wenn ich mich beschwere, dass die Avocados, die ich gerade gekauft habe, noch nicht ganz reif sind und ich daher keine Guacamole zubereiten kann, was ich meiner Begleitung zum nächsten Dinner versprochen habe. Dann kann ich mich darauf verlassen, dass der Aufpreis, den ich für die letzten fünf Avocados bezahlt habe, auch dahingehend reinvestiert worden ist, dass heute eine Mitarbeiterin bereitsteht, die sich meiner Sorgen annimmt. Auf ihre Seriosität kann ich vertrauen. Auf ihrem Namensschild steht Hope und sie ist verbindlich, denn ich kaufe bei ihr ein. Das sind wahre Partner, danke für diese Zuwendung. Wenn mich diese Struktur berührt, bekomme ich endlich das Intime. Das System geht auf Tuchfühlung.

Danke Topfpflanze, danke Blumentopf. Nur in einer Sache hast du nicht recht: So lange ich genügend Geld habe, kann ich immer wieder kommen.

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