Die flauschige Revolution

eva hintermeyer, sarah kindermann, laurin thiesmeyer, johann d thomas_foto3 von veronika knaus

contemporary-intimacy.de

Das Contemporary Intimacy Movement setzt sich mit verschiedenen Formen zeitgenössischer Intimität auseinander. Im Rahmen ihrer Durational Performance/Installation 68 1/2 auf dem 100 Grad Berlin Festival sind drei Essays entstanden. Teil I

Von Maike Gomm

 

Es gibt so einige Dinge in Japan, die man in Europa als merkwürdig oder sonderbar empfindet, ohne überhaupt jemals vor Ort gewesen zu sein. Japan – das ist in Deutschland dieses verrückte Land der Extreme. Informiert durch Onlinemagazine wie Vice, bleibt man immer auf dem Laufenden über die neuesten Kuriositäten. Dabei sollte klar sein, dass die Provo-Presse hart daran arbeitet, die klischeehafte Vorstellung von Japan, wie sie im Westen verbreitet ist, zu erhalten und zu stärken. Und das nicht ohne Erfolg.

Durch solche Berichte sind auch die Katzen- und Kuschelcafés bekannt geworden. Dass es daneben auch ein Eulencafé gibt, wissen nur noch die wenigsten -und dass auch in Japan die meisten Menschen ein normales Leben führen, muss im Gegensatz zu dem, wie Tokio in der Pro7-Show Schulz in the Box porträtiert wurde, wie ein Big Urban Myth erscheinen. Natürlich gibt es viele Dinge, die man mit einer westlichen Sozialisation erstmal als ungewohnt empfindet. Trotzdem sollte man im Hinterkopf behalten, dass es Massenmedien vor allem um die Quote geht. Dabei ist das einzige, auf das man die Welt reduzieren kann, der Punkt, dass sie vielseitig ist.

Warum wird die Existenz von Kuschelhotels in Deutschland überhaupt in Frage gestellt? Über Bordelle und Prostitution wundert sich schließlich kaum noch jemand. Die Antwort ist klar: Sex ist als menschliches Bedürfnis vollkommen anerkannt, und wo Nachfrage vorhanden ist, lässt das Angebot nicht lange auf sich warten. Im Gegensatz dazu wird dem Bedürfnis zu kuscheln offenbar mit Skepsis begegnet. Ist also das, was wir an Kuschelcafés belächeln, der Fakt, dass Menschen Geld dafür bezahlen, nur um zu kuscheln? Dabei ist die Lust zu kuscheln vermutlich sogar schwieriger zu befriedigen als Sex. Denn dass man im Berghain-Darkroom jemanden zum Kuscheln findet, ist eher unwahrscheinlich.

Also welchen Stellenwert nimmt das Kuscheln in unserer Gesellschaft ein? Sind wir so verroht, dass wir es grundsätzlich als überflüssig betrachten und deswegen über Kuschelcafés staunen? Es ist durchaus möglich, dass zu Zeiten, in denen Millionen von Menschen sich für seichte SM-Lektüre begeistern, Kuscheln nicht gerade im Trend ist. Wozu auch kuscheln, wenn ich mich auspeitschen lassen kann? Dabei erfordert SM ein mindesten ebenso starkes Vertrauensverhältnis wie pures Kuscheln. Beide Praktiken zielen auf denselben Zweck, nur mit unterschiedlichen Mitteln.

Also ist vielleicht das genaue Gegenteil der Fall. Kuscheln wird gar nicht marginalisiert, sondern als etwas Exklusives betrachtet. Quasi der heilige Gral der romantischen Zweierbeziehung (RZB). Das, was nur den glücklich Verliebten vorbehalten ist. Demnach ist Händchenhalten, die wohl schlichteste Form des Kuschelns, das Prestigesymbol der Pärchen. Schließlich lässt es sich, im Gegensatz zum Geschlechtsverkehr, auch hervorragend in der Öffentlichkeit zelebrieren. Kuscheln steht somit für die vollkommene Beziehung, in der nicht nur die Körper, sondern auch der Geist vereint ist. Nichts schreit mehr “Wir gehören zusammen!“ als zärtliche Berührungen im Supermarkt.

Allerdings kostet es Zeit und Energie, so eine Beziehung aufzubauen. Erstmal muss ein poten(t)zieller Partner gefunden werden. Es folgen: Zahlreiche Verabredungen mit meist sehr anregenden alkoholischen Kaltgetränken und weitaus weniger anregenden Gesprächen, schüchterne Annährungsversuche, schließlich der erste Sex und wenn man Glück hat, findet man sich am Ende eng umschlungen beim Tatort auf dem Sofa wieder. Ganz zu schweigen von all der vergeudeten Gehirnkapazität, die man an nicht sofort beantwortete Facebook-Nachrichten verschwendet hat. Viel Arbeit, die erst sehr spät in kleinen Kuschelrationen ausgezahlt wird.

Allerdings Arbeit, die sich lohnt! Wie uns Hollywood regelmäßig versichert. Und nicht nur Hollywood. Fungiert die konventionelle Beziehung nicht als ein weiterer gesellschaftlicher Imperativ, um Menschen einen Optimierungswillen aufzuzwingen? Natürlich nur mit dem Ziel, dass sie sich daraufhin in die bunte Konsumwelt stürzen, um sich wieder in den Zirkel der vermeintlich Glücklicheren einzukaufen.
Und nun wird auch das Misstrauen gegenüber Kuschelcafés verständlich:
Wenn Kuscheln im Gegensatz zu Sex tatsächlich Beziehungen eigen ist, jedoch Kuschelcafés dieses Privileg entkräften, dann entpuppen sich als Bedrohung für das Ideal. Wenn nun, nach dem Sex, nicht mal mehr das Kuscheln den Paaren vorbehalten ist, was unterscheidet sie noch vom Rest der Welt? Schließlich entsteht Identität durch Abgrenzung.

Die Institution Kuschelcafé jedoch entlarvt und unterwandert das Konstrukt der normierten RZB, bzw. den gesellschaftlichen Zwang, eine solche führen zu müssen. Wenn ich nicht mal mehr zum Kuscheln einen Partner brauche, wofür brauche ich ihn überhaupt noch?

Also kuscheln wir für die Revolution zwischenmenschlicher Beziehungen! Kuscheln wir für die wirklich freie Liebe!

Oder haben wir uns zu früh gefreut? Könnte es sein, dass es sich hierbei wieder um so einen gemeinen Trick unserer großen Hassliebe Kapitalismus handelt? Gibt er erneut vor, auf unsere Bedürfnisse einzugehen, obwohl es sein eigentliches Ziel ist, uns flexibler zu machen, damit er uns noch besser ausnutzen kann? Nicht zu vergessen, dass auch Kuschelcafés Dienstleistungsbetriebe sind. Austausch der Ware Geld gegen die Ware Nähe. Capitalism at its best! Denn wenn uns nicht mal mehr der eine Partner bindet, was hält uns noch? Unser Stammkuschelcafé an der nächsten Straßenecke? Unsere Lieblingscuddlerin mit dem flauschigen Einteiler?

Vielleicht. Zumindest, wenn sie uns davon überzeugt, dass sie gerne mit uns kuschelt. Und das dürfte man professionellen Cuddlern erwarten. Schließlich zahlt man in Tokio 7000¥ Eintritt, plus 1000¥ für jede weitere Dienstleistung (35€ bzw. 8€).

Unabhängig davon, was für gesellschaftliche Implikationen ein Kuschelcafe hat: Es ist und bleibt vor allem eine gute Show.

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