Mit Kunst gegen die Unmenschlichkeit

Seit in Hausnummer 5 Flüchtlinge untergebracht sind, macht die Große Hamburger Straße in Berlin Mitte ihrem Alias „Toleranzgasse“ wieder alle Ehre: Anwohner sorgen ehrenamtlich dafür, dass der Alltag der Heimbewohner nicht nur aus Warten besteht.

Die Debatten anlässlich der vielen Flüchtlinge in Berlin drehen sich meist um das Wie und Wo. Lichtenberg, Köpenick: Bislang standen die Randgebiete der Hauptstadt im Fokus, in erster Linie ging es um Containerdörfer und Traglufthallen. In Mitte, unweit der hippen Ausgehstraßen des Bezirks, zeigt sich derweil, dass man der Unterbringungsproblematik auch dezentral und ganz pragmatisch begegnen kann.

In der Großen Hamburger Straße wurde ein leerstehendes Bettenhaus der psychiatrischen Abteilung im St. Hedwigs-Krankenhaus als vorübergehende Unterkunft umfunktioniert. Die Zuständigkeit liegt seit vergangenen Dezember bei der Caritas, die Einquartierung wurde in nicht mehr als 72 Stunden umgesetzt.

Heim

Ein Ort wird zum Heim: Bilder der Kreativgruppe schmücken das Treppenhaus. (Foto: Anna Gyapjas)

 

Doch nicht, ohne vorschriftsgemäß die Nachbarschaft zu informieren. Die positive Folge: Um die 40 Anwohner engagieren sich nun ehrenamtlich für die Flüchtlinge aus Syrien, Ägypten, Afghanistan, Pakistan, dem Kosovo und Nordirak.

Willkommensgefühle statt Berührungsängste

Sicher gibt es auch Ressentiments in Mitte. Dass man davon jedoch nichts merkt, erklärt sich die Freiwillige Judith Schwyter wie folgt:

„Die Anwohner hier haben einen anderen Zugang zum Internationalen und weniger Berührungsängste.“

Entsprechend zufrieden sei auch Heimleiterin Florence Vettraino mit der Atmosphäre im Elisabethhaus, denn Probleme habe es noch keine gegeben. Judith Schwyters These: „Das hat schon etwas damit zu tun, dass so viele Ehrenamtliche hier ständig was machen. Es gibt eine positive Grundstimmung.“

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Frank Alva Buecheler und Judith Schwyter (Foto: Friederike Bloch)

Kultur im Flüchtlingsheim

„Ich wollte eigentlich nur helfen, Betten zu beziehen. Das habe ich eine Stunde gemacht, danach hab ich dann mit der Einsatzleiterin gesprochen und sie gefragt, ob ich ein bisschen organisieren darf“, erzählt Frank Alva Buecheler.

Seine diversen sonstigen Berufe subsummiert der Ehrenamtliche unter dem Begriff Kulturunternehmer. Und schildert, wie er zu seiner Zuständigkeit im Flüchtlingsheim kam:

„Es haben sich sehr viele Schauspieler und Filmemacher gemeldet, aus der Nachbarschaft, die helfen wollten. Die Heimleiterin hat mich gefragt, ob ich mich kümmern kann. So ist dann das Kultur- und Kreativteam zustande gekommen und ich bin zum Koordinator gewählt worden. Jetzt mach ich das eben.“

Priviligierter Standort

„Das Elisabethhaus mit der Lage in Berlin Mitte ist ziemlich privilegiert, die Leute haben Kontakte und ein Netzwerk“, sagt Buecheler. Dadurch hat sich bereits ein kostenfreier Abend in Clärchens Ballhaus, mit Pizza und Salsaunterricht, ergeben. Zu Weihnachten gab es Konzerte, sogar eine Geige und ein Piano wurden für die Flüchtlinge organisiert.

Warten auf den Bescheid – der Tag kann lang werden, wenn sich nichts ereignet. Gemeinsames Joggen am frühen Morgen und später Deutschunterricht sollen für Abwechslung und Strukturen sorgen.

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Die Flüchtlinge und die ehrenamtlichen Helfer (Foto: Friederike Bloch)

Lokale Unterstützung

Im Vorfeld des 100Grad-Festivals boten auch die Sophiensaele ihre Mithilfe an und stellten Freikarten bereit. Die Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen soll danach weitergeführt werden. Judith Schwyter, Kollegin von Buecheler, über das Interesse an dem Theaterangebot:

„Um die Karten wird jetzt nicht gestritten oder so. Man versucht, dass für alle etwas dabei ist. Jemand, der älter ist, kann vielleicht gar nichts damit anfangen. Aber es gibt hier eine Gruppe junger Leute, die freuen sich sehr über das Angebot und die Kontakte.“

Wissen, was geht

Das unbekannte Stadtterrain, die Fremde stellen für die Flüchtlinge eine Hürde dar. Nur wenige trauen sich, sie allein zu nehmen. Entsprechend wichtig sei es, so Schwyter, ihnen Kulturangebote zu machen:

„Stell dir vor, du bist irgendwo im arabischen Raum, verstehst gar nichts und da ist ein Event, das völlig lokal ist. Man muss die Leute auch motivieren und überhaupt mal erklären, was das soll.“

Im Kern berühren, in der Menschlichkeit versichern

Menschliche Ansprache, Sicherheit, existenzielle Not lindern – direkt nach ihrer Ankunft brauchen die Flüchtlinge das am dringendsten, meint Koordinator Buecheler. Danach gelte es, sogleich das zweitwichtigste Bedürfnis zu stillen:

„Wer alles verloren hat, wer so Grausiges erlebt hat, der muss sich seiner Menschlichkeit neu versichern. Und das ist natürlich Kunst: Schönheit, Berührung, Emotionalität zu erfahren. Hier sitzen dann die coolsten arabischen Jungs und hören Brahms und wenn man sie genau beobachtet merkt man, wie sie schlucken, denn das erreicht jeden.“

(agy) (fb)

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