Nadine Finsterbusch – Tagesbeichten

Das 100Grad ist jetzt 9 Jahre alt. Grund genug, zwei Festivalveteranen zu ihren Geschichten zu befragen.

Wie fühlst du dich zum zweiten Mal bei 100° dabei zu sein? War es deine eigene Entscheidung wieder zu kommen?

Oh, sofort nach dem ersten Mal beim Festival hatte ich im Hinterkopf wieder dabei zu sein! Es ist eine super Plattform mit viel Spielraum! Dieses Mal bin ich mit dem zweiten Teil meiner Tagebücher vertreten – also die Zeitspanne von meinem 14-16 Lebensjahr. Allerdings sind sie noch nicht eingeprobt…Das 100° Grad wird die Premiere-Lesung!

Wie kam es dazu, dass du dich entschlossen hast das erste Mal dabei zu sein?

Wilma Renfordt, die Dramaturgin von copy & waste, schlug mir vor, mich beim 100 ° zu bewerben und es im HAU zu machen. Und ich sagte dann einfach: „ich will im HAU1 lesen“ und so kam es dann…

Wie bereitest du dich vor?

Ich lese alles nochmal laut durch, kurze Stellen, schaue mir an was in den Erzählfluss passt und frage dann meistens auch Freunde nach Feedback.

Wie war dein erster Eindruck der Publikumsreaktionen beim ersten Mal 100°?

Ich habe damals im HAU1 gelesen und es war wirklich eine wahnsinnig tolle Atmosphäre! Es kamen sehr sehr gute Reaktionen, die ich gar nicht erwartet hatte. Ich war total nervös, weil ich keine Vorstellung davon hatte, wie es laufen wurde… Die Hauptreaktion waren Lacher, die Leute fanden es wirklich spannend und amüsant.

Was erhoffst du dir von dieser Lesung?

Ähnliches, auch wenn der zweite Teil meiner Tagebücher etwas trauriger ist. Aber ich hoffe, dass es positiv aufgenommen wird. Ich bin noch nervöser als beim ersten Mal, glaub ich.

Wie kam es eigentlich dazu, dass du dich entschlossen hast, deine intimen Geheimnisse aus der Vergangenheit vorzulesen?

Das war total der Zufall. Ich habe die Tagebücher vorletztes Jahr beim Umzug gefunden und angefangen, darin zu lesen. Ich dachte, dass es total schrecklich sein muss, was drin steht und bestimmt sehr peinlich war, aber dann irgendwie sehr überrascht. Ich fand es richtig aufregend und witzig, unterhaltsam! Und dann habe ich erstmal eine Lesung mit Freunden geplant.

Wie sah das aus?

Es war am Kottbusser Tor innerhalb des Dr. Fahimi Fenster Front Festivals. Ich habe ein paar Freunde dazu eingeladen. Wir saßen in einem ziemlich kleinen Raum, ich auf der Fensterbank. Man konnte mich also von der Straße aus auch sehen. Es hingen Kopfhörer an der Hauswand herunter und die Menschen auf der Straße konnten sie sich aufsetzten und zuhören, was ich gerade in das Mikrofon las….

Seit wann schreibst du Tagebuch?

Seit dem ich 10 bin.

Wieso hast du damit angefangen?

Ich hatte dieses Buch von Jemandem geschenkt bekommen und dachte, ich probiere es aus. Außerdem war damals auch der Wechsel von Grundschule zu Gymnasium….das war irgendwie eine ziemlich große Sache für mich, die ich jemandem mitteilen wollte und nicht so richtig konnte.

Schreibst du heute auch noch und wenn ja, wieso?

Ja…ich habe ein paar Jahre zwar nicht geschrieben, aber nun wieder damit angefangen, durch die Konfrontation damit. Ich mache es vor allem aus dem Bedürfnis heraus, später Erinnerungen schriftlich zu haben. Weil man doch irgendwie die Sachen anders abspeichert und weil soviel passiert…Ich möchte mich auch in 10 Jahren damit beschäftigen können. Aber heute schreibe ich eher auf dem PC…

Was ist das schönste an den Lesungen? Schlüssel- Erfahrungen?

Dass sich die Leute mir gegenüber danach öffnen oder zu mir kommen und sagen, dass sie berührt waren oder sofort nach Hause gehen wollten, um selber in ihren Tagebüchern zu lesen oder zu schreiben. Oder es gab z.B. ein Mädchen in Basel, die zu mir meinte, dass sie gerne genau das Selbe machen würde wie ich, aus dem Tagebuch lesen und singen… Oder ein junger Mann aus Wien, der meinte, dass er nun endlich verstanden hätte, wie schwer es für uns als Teenie- Mädchen gewesen sein muss, auch nur einen Anruf bei dem Schwarm zu machen…

Wie fühlst du dich, wenn du immer wieder in deine Vergangenheit tauchst?

Ich erkenne mich schon wieder, aber ich bin nicht mehr dieselbe Person. Ein wenig fühlt es sich so an, als würde ich einfach eine Geschichte lesen.

Gibt es einen Moment in dem Tagebuch, der sich für dich ganz besonders schlimm anfühlt,wenn du ihn vorliest?

Ja, schon! Also ich hab auch lange überlegt, ob ich den drin lasse. Es ist das Einsetzten der ersten Periode. Allein schon weil es irgendwie sehr persönlich ist und weil ich da beschreibe, wie ich denke, dass es mir alle Männer ansehen können und mich vergewaltigen wollen.

Das ist ja interessant! Kannst du dir erklären wieso?

Ich habe keine Ahnung mehr, wieso ich das gedacht habe und woher diese Angst kam. Jedes Mal beim Lesen denke ich „ Wie komme ich denn darauf? “. Eine Zuschauerin in Basel meinte, dass es vielleicht daran liegt, dass ich als Zugehörige der TV-Generation Aktenzeichen xy ungelöst zu viele Krimis gesehen habe.

Andere Momente?

Komisch ist auch der meines Testaments. Mit 11…

Wie lang hast du gebraucht, bis du deine Tagebücher wieder aufgearbeitet hast?

Also für den ersten Teil ein bis zwei Wochen. Aber nach 2 Stunden hatte ich schon eine erste Fassung und war mir sicher, wie es sein sollte. Beim 2 Teil jetzt tue ich mir ein wenig schwer. Ich bin noch nicht wirklich bei der Endfassung.

Hast du jemals daran gedacht, Multimedia in deine Lesungen einzubauen oder sie musikalisch zu unterlegen? Vielleicht mit den Bands, die du damals mochtest?

Also daran gedacht ja, weil ja auch viele Songtitel genannt werden und ich viel über Bands wie Aerosmith, Take That und Snoop Doggy Dogg rede…aber bisher habe ich mich eigentlich dagegen entschieden. Ich finde es besser, wenn das Tagebuch für sich selbst steht und spricht.

Hast du während des Schreibens irgendwelche Vorbilder entwickelt? Berühmte Tagebuchschreiber , wie zum Beispiel Anaîs Nin, Anne Frank oder Kafka?

Nein, Vorbilder hatte ich nicht wirklich welche. Also ich hab immer aus Eigeninitiative geschrieben und irgendwie aus dem Bedürfnis der Selbstentwicklung. Beeinflusst hat mich damals ein Buch aus dem Deutschunterricht. Es gehörte zur dtv- Reihe der Jugendbücher. „Oleg oder die belagerte Stadt“ von Jaap ter Haar. Ich hatte mich viel damit beschäftigt und es ging da auch irgendwie um das Thema Tagebuch…

Planst du nochmal etwas Ähnliches wie die Episoden „Andy Girls“ mit dem copy & waste Theater-Kollektiv? Was war das genau?

Das Projekt war ursprünglich eine Anfrage an den Autor Jörg Albrecht, einen Blog für eine Theaterseite zu schreiben, glaube ich. Weiß ich gar nicht mehr genau. Heraus kam jedenfalls dann aber „Andy Girls“, unsere Soap, in der sich alles um Liebe, Architektur und Stadtsoziologie dreht. Jede Woche wurde eine Folge gepostet. Mitlerweile gibt es die Folgen auch auf Youtube. Ich habe Nadine gespielt, eine Sängerin, die gleich in der ersten Folge von ihrem Freund Cliff Hanger verlassen wird…Ich hoffe ja inständig, dass es eine Fortsetzung geben wird. Es war echt eine schöne Zeit und hat total Spaß gemacht.

Einige Worte zu copy& waste ( leider abgesprungen für dieses Jahr).

Ich bin ein großer Fan des Kollektivs. Sie haben einfach tolle Ideen. Wenn ich es schaffe, gehe ich immer zu so vielen Vorstellungen wie nur möglich!

Hast du einige Tipps für junge Tagebuchschreiber?

Am besten NICHTS durchstreichen, auch wenn man sich schämt! Ich hab wirklich seitenweise alles durchgestrichen, was mir peinlich war. Oder wenn ich einen Jungen nicht mehr geliebt habe, dann habe ich seinen Namen oder Passagen komplett geschwärzt, was wirklich sehr schade ist…

Wie sehen deine weiteren Pläne aus?

Ich hoffe eigentlich immer auf Anfragen und dass sich einige Dinge spontan ergeben. Das hab ich am Liebsten. Und ja…die Tagebücher veröffentlichen, dieses oder nächstes Jahr. Außerdem denke ich schon darüber nach, was ich für das 100° in 2013 mache! Die Tagebücher sind ja dann leider zu Ende…

Nadine Finsterbusch : Tagebücher Teil II 1993-1995

Interview: Anna Lazarescu

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