Erinnere dich

Über die Vergangenheit im Theater

Am ersten Tag des 100 Grad Festivals war das HAU2 in die Atmosphäre eines Berlinischen Cabarets der 1920er getaucht. Memories are made of this, so hieß die Show von Eva Meier, die eine singende Reise in das XX. Jahrhundert anbot, eine Referenz zu dem 1955 von Mindy Carson geschriebenen Lied.

Memories are made of what? Diese Frage stellen sich Irene Cortina in ihrem Stück thinking in past tense und Martina Borroni in Watching M. Irena Cortina interagiert mit den Zuschauern und hofft, dass beim Publikum durch einen Geruch oder eine Berührung Erinnerungen erweckt werden. Martina Borroni versucht, das Gedächtnis mit einer Serie von Bewegungen zu verwirklichen: Auf der Bühne bedrängen sie ihre flüchtigen Erinnerungen, umschlingen sie, steigen über sie hinweg, nehmen sie an der Hand…immer und immer wieder.

„Was, wenn die Vergangenheit nicht nur Trümmer und Spuren wäre, sondern auch der Brennstoff für stetige Veränderungen?“ So führt Jean-Marc Adolphe, Chefredakteur der französischen Zeitschrift Mouvement, das Dossier der Nr. 61 zum Thema die Geschichte in der Gegenwart ein. Hier geht es um die „zahlreichen Künstler, die heutzutage ihre Inspiration aus der Vergangenheit schöpfen, von Untersuchungen zu Fabeln, um ihre roten Fäden zu verweben“. Eine Entwicklung im Vergleich zum XX. Jahrhundert, als die Kunst so oft die Vergangenheit vergessen wollte, um Avant-Garde zu kreieren.

Dieses Themenfeld wird von Sonya Schönberger vertreten, welche die Generation unserer Älteren begreift. Drei Dreißigjährige leihen ihre Stimme ohne Emphase den Aussagen dreier Überlebender des Zweiten Weltkriegs. Die Aneignung der Erinnerung erhält so eine außergewöhnliche Kraft. Ein anderer einnehmender Dreißigjähriger ist Soheil Emanuel Boroumand. Er benutzt seine Stimme, Körper und Emotionen, um das wiederzugeben, was ein ehemaliger Soldat nie wagte, seinen Kindern weiterzugeben und auf Tonband aufnahm: seine Kriegserinnerungen als Zahnarzt in Frankreich, Russland und Litauen. Ganz besonders muss Elena Ceaucescus Wunderkammer erwähnt werden, die das bietet, was nur darstellende Künste ermöglichen: sie versetzt uns in das Rumänien der 1980er. Gemeinsam mit drei bis vier auf der Rückbank eingeklemmten Zuschauern sitzt Elena Ceaucescu in einem mit Spitzendeckchen und Plastikblumen verzierten Auto. Von der hysterischen Diktatorin gesteuert, erfahren wir das Unterdrückungsklima hautnah. Nach zehn Minuten einer brüskierenden und rabiaten Behandlung sagt Yannik, 33, der einen Teil seiner Kindheit im kommunistischen Polen verbrachte: „Das war genau so, das hat mich an die Grenzüberschreitungen erinnert, wenn du eingeschlossen bist und die Polizei um dich herum die absolute Gewalt über dich hat…“

In unserer Zeit der intensiven Fragestellungen gegenüber der Vergangenheit erscheint das Theater, welches die Sinneswahrnehmung betont, als ein besonders gutes Medium, um unsere eigene Identität und die Geschichte, die uns geformt hat zu hinterfragen. Insbesondere weil, „die zunehmende Präsenz von Künstlern aus verschiedenen Kontinenten in Europäischen Ausstellungsorten und auf Bühnen grundlegend das Spektrum unserer Rezeptionen erweitert“, fügt Jean-Marc Adolphe hinzu. Die Vergangenheit hat nicht ihr letztes Wort gesagt. (nf)

Zitierte Stücke:

Memories are made of this, von/mit: Eva Meier, Paul Cibis, Jana Burbach
thinking in past tense, von Irina Cortina// Tanz: Irina Cortina, Katharina Malong // Musik Dino Spiri, Olaf Hollmann
Watching M, von Cia. EscalE, Concept: Martina Borroni, Performers: Martina Borroni, Marie Schmieder// Music: Peder Simonsen, Viktor Wolf
Nix zu reißen und zu beißen, von Sonya Schönberger, mit Franziska Dick, Cathrin Romeis, Helge Gutbrod
Blinder Fleck, von Checkh-Off-Players, Text und Spiel: Soheil Emanuel Boroumand, Regie: Beatrice Scharmann
Elena Ceaucescus Wunderkammer, von Ideaperform

 

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